Warum man Physik nicht nur online lernt. Ein Kommentar zu Richard David Precht.

Heute morgen Vor einigen Tagen bin ich bei Twitter auf einen interessanten Artikel gestoßen, der mich zu einem längeren Kommentar reizt. Eine gute Gelegenheit, um meinem Blog mal wieder inhaltliches Leben einzuhauchen!

In dem bereits angekündigten Artikel geht es um die Keynote des deutschen Philosophen Richard David Precht, der ja schon oftmals mit teils provozierenden Thesen zum deutschen bildungssystem aufgefallen ist. Er kritisiert die Gliederung der Schule in Unterrichtsfächer und plädiert für stärker projektorientiertes Arbeiten, am besten fächerübergreifend. Soweit, so klar. Im Folgenden beziehe ich mich auf den Blogeintrag, nicht auf die Originalrede von Precht, die ich nicht gehört habe. Ich gehe dabei chronologisch entlang des Artikels von bildungsdoc vor.

„Dass wir den Unterricht so schematisieren als wäre die Welt ein Apothekerschrank, in dem es lauter Fächer gibt, ist dem vernetzten Denken nicht zuträglich“, kritisiert Richard David Precht das aktuelle Schulsystem. Genau das Gegenteil sei notwendig. Denn alle großen Innovationen der Menschheit seien dadurch entstanden, dass jemand erstmals Dinge miteinander in Verbindung brachte, die scheinbar nichts miteinander zu tun hätten. Projektarbeiten und individuelles Lernen empfiehlt der Philosoph deshalb ab dem sechsten Schuljahr

Trotzdem ist eine Gliederung, die ja nicht nur historisch bedingt ist, aus meiner Sicht in Maßen sinnvoll. Um Precht auf quasi eigenem Gebiet, der Philosophie,  zu kritisieren: betrachtet man die Wissenschaften selbst, so beschäftigen sich diese relativ klar mit unterschiedlichen Dingen. Während sich die Naturwissenschaften, verzeiht die kurzzeitig realistische Denkweise, mit Dingen ohne eigenen Willen beschäftigen, beschäftigt sich die Sozialwissenschaft mit sozialer, d.h. von Akteuren mit eigenem Verstand bereits konstruierter Wirklichkeit. Mit Schütz gesprochen geht es im ersten Fall also um Konstruktionen erster, im zweiten Fall um solche zweiter Ordnung. Ähnliche Überlegungen lassen sich sicherlich für geistes-, sprach- und künstlerische Wissenschaften anstellen. Diese Unterschiede im Wirklichkeitszugriff müssen sich, folgt man der These, dass sich die Fächer in der Schule zumindest auch auf die Wissenschaften beziehen, in meinen Augen in Teilen in der Schule widerspiegeln. Zudem ist, wie nicht erst seit Hattie diskutiert wird, der Lehrer wichtig für gelingendes Lernen. Und nur motivierte, für ihr Fachgebiet begeisterte Lehrer können nachhaltiges Lernen ermöglichen. Lehrer, die sich für alles begeistern, wird man aber wohl vergebens suchen. Kurzum: aus meiner Sicht ein klares Ja zu mehr fächerübergreifendem Lernen. Und auch zu Gedanken über weniger Fächer. Eine vollständige Auflösung der Fächer? Nein.

„Mathe und Physik lernt man zum Beispiel am besten am Computer – ohne störende Klassenkameraden, die nicht mehr folgen können, auf die der Lehrer aber Rücksicht nehmen muss“, so Precht. Bereits heute sei hochintelligente Lernsoftware auf dem Markt, beispielsweise entwickelt von der Khan Academy und von amerikanischen Elite-Unis wie dem MIT oder Harvard.

Und hier ist mir dann wirklich ein wenig der Kragen geplatzt. Zunächst einmal spricht sich Precht und auch der Autor des Blogs gegen reines Faktenlernen aus, zumindest implizit. Und dann soll man Physik und Mathematik lieber gleich per PC einbimsen? Als ob diese Fächer allein aus Fakten bestünden.

Besonders für die Physik gilt hier aus meiner Sicht noch immer das Diktum von Martin Wagenschein : rettet die Phänomene! Gerade in der heutigen Zeit kommt, im Lichte eines Prechts, diesen Phänomenen besondere Bedeutung zu. Diese können eben nicht digital unmittelbar erfahren und exploriert werden. Dies geht nur analog und aus meiner Sicht nur gemeinsam mit anderen Schülern. Durch die Auseinandersetzung mit Natur bilden sich hier eigene, auch soziale Kompetenzen heraus. Dies, lieber Herr Precht, ist Physik. Nicht das Auswendiglernen von Fakten.

Auch mit Blick auf die Wissenschaft Physik ist ein rein digitales Lernen undenkbar. Folgt man meiner Argumentation von oben, so sollte der schulische Physikunterricht auch das Lernen über Physik, mithin das eigene Erfahren von Physik, ermöglichen. Und die Physik ist inhärent sozial. Durch eine Vermittlung allein des Lehrbuchwissens erziehen wir in der Schule wissenschaftsgläubige Schüler, die sich nicht kritisch zu naturwissenschaftlichen Sachverhalten positionieren können. Das muss allerdings das Ziel von Schule sein.

Prechts Argument, dass schwächere Schüler die stärkeren beim Lernen behindern würden, ist auf den ersten Blick sehr plausibel. Aus der empirischen Forschung wissen wir mittlerweile aber recht gut, dass Heterogenität für alle eher positiv ist – entsprechend qualifizierte Lehrer vorausgesetzt. Zudem ist der Umgang mit eigenen und fremden Schwächen aus meiner Sicht ein wichtiges Bildungsziel – und nur in heterogenen Lerngruppen erreichbar. Zudem bestehen Naturwissenschaften ja nicht nur aus dem rein kognitiven Durchdringend von Fakten. Vielmehr zeichnet sich gerade die Physik als größtenteils experimentelle Wissenschaftdurch soziale Praxis aus. In diese soziale Praxis kann jeder Schüler seine Fähigkeiten einbringen – und sei es als Protokollant, talentierterExperimentator oder eben großer Theoretiker. Nur so ist der Erwerb eines positiven Selbstbilds und eines positiven Wissenschaftsbildes möglich.

„Wichtig ist, was junge Menschen können, wenn sie aus der Schule kommen – und vor allen Dingen, was sie langfristig aus ihrer Schulzeit mitnehmen“, betont der Buchautor. Das reine Wissen verliere an Bedeutung.

Sicher verliert reines Wissen teilweise an Bedeutung. Jedoch ist eine irgendwie geartete Kompetenz nicht ohne Wissen denkbar. Wie kann ich bspw. einen physikalischen Sachverhalt addressatengerecht kommunizieren ohne etwas, das ich kommuniziere?

Es gebe zwar elementare Kompetenzen, die jeder erlernen müsse. Schulabgänger sollten sich laut Precht beispielsweise mündlich und schriftlich so gut wie möglich ausdrücken können, Grundlagen der Mathematik beherrschen, ein historisches Bewusstsein entwickeln und über Politik und Wirtschaft informiert sein. Auch künstlerische und sportliche Fähigkeiten gelte es zu fördern.

„Wir sollten die Fähigkeiten in den MINT-Fächern grundsätzlich verbessern. Das schaffen wir aber nur, wenn dies nicht von allen Schülern erwartet wird.“

Diese Aussage Istaufkommen didaktischer Sicht ziemlicher Quark. Als Schule haben wir nicht den Auftrag, physikalische Fachexperten zu erziehen. Vielmehr geht es um die Ausbildung einer naturwissenschaftlichen Grundbildung. Diese sollte die Schüler zu einer aktiven Teilhabe an der Gesellschaft befähigen, also bspw. dazu, sich zu naturwissenschaftlichen Sachverhalten zu positionieren. Die Ausbildung von Physikern ist dann in Teilen Sache der Oberstufe und der Universität.

Eine naturwissenschaftliche Grundbildung sollte am Ende der Schulzeit jeder besitzen. Genauso wie jeder eine mathematische und sprachliche Grundbildung besitzen sollte.

Ein Manko der Schulausbildung sei derzeit die Vorbereitung junger Menschen auf eine Führungslaufbahn. „Top-Manager sind fast alle fehlausgebildet. Die meisten haben eine Elite-Uni besucht, eine Zusatzqualifikation erworben und noch dieses oder jenes Zertifikat.“ Das sei nur mit viel Fleiß zu schaffen und dabei bleibe die Zeit zur Persönlichkeitsreifung auf der Strecke. „Deswegen müssen wir die Stoffmenge dramatisch reduzieren.“
Heranwachsende sollten lernen, sich gut auszudrücken, vor allen Dingen mündlich. „Freie Vorträge halten, auf Leute wirken durch die Kunst der Rede, Leute überzeugen – das sind Dinge, die kommen in der Schule nur am Rande vor, weil sie Mündliches schlechter objektiv bewerten können als schriftliche Leistungen.“ Zudem fehle bislang im Schulstoff das Thema, wie man Entscheidungen treffe und gut mit Menschen umgehe.

Letzteres versuchen ja Fachdidaktiker zu erreichen – unterwandertem ich in meinem Promotionsprojekt. Freie Vorträge sind mittlerweile an den meisten Schulen an der Tagesordnung – allerdings ohne Fachinhalte auch kaum denkbar. Hier deutet sich erneuter innere Widerspruch in Prechts Argumentation an. Ohne Fachinhalte lassen sich weder Vorträge halten noch Entscheidungen treffen.

Insgesamt zeigen die Einlassungen von Precht große Ambitionen – jedoch ohne entsprechendes Fachwissen über Schule und Unterricht zu besitzen. Dieses Unwissen vermengt sich dann bei Precht mit einem aus meiner Sicht fragwürdigen Bildungsverständnis, das Schwätzereien höher bewertet als Allgemeinbildung.

Zudem ist die Revolution, die Precht implizit für die Schule reklamiert, nicht ohne die Lehrer zu machen. Deren Arbeit ist sicher nicht immer perfekt – welcher Beruf kann dies für sich reklamieren? Aber sie durch Schreie nach Revolutionen komplett abzuwerten, erzeugt zwar mediale Aufmerksamkeit. An der schulwirklichkeit ändert dies jedoch nichts.

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