Die dokumentarische Methode und MaxQDA: Zwei ungleiche Freunde?

Dieser Artikel ist wohl eher etwas für Spezialisten. Es geht dabei um die konkrete Durchführung Interpretation von Interviews im Rahmen der dokumentarischen Methode mit Hilfe passender Software. Oder  anders gefragt: Wie kann das ganz praktisch funktionieren? Da ich mich schon seit einiger Zeit mit dieser Frage herumschlage und weder im Internet noch in einschlägigen Fachpublikationen entsprechende Hinweise finden konte, möchte ich meine Ideen nun hier näher vorstellen. Ich hoffe, dass ich mit diesen Überlegungen einigen Menschen bei ihrer täglichen Arbeit helfen kann. Worum geht es also im Folgenden?

Das Problem

Im Rahmen meines Promotionsprojekts möchte ich Interviews mit Hilfe der dokumentarischen Methode auswerten. Auf die methodischen und methodologischen Überlegungen diesbezüglich möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Erste Informationen sind oben verlinkt. Bei Interesse gibt es hierzu eventuell irgendwann einmal einen eigenen Beitrag. Vielmehr stellte sich mir (und auch anderen Menschen, die mit der Methode arbeiten) die Frage, wie diese möglichst effizient am Computer umsetzbar ist.

Die meisten Anwender der dokumentarischen Methode arbeiten dabei, so wie ich es mitbekomme, hauptsächlich mit Word, Kugelschreiber, Bleistift und Ausdrucken. Diese Arbeitsweise hat sicherlich gravierende Vorteile („herumkritzeln“ direkt im Transkript, Ausschneiden, Markieren, Durchstreichen, …). Allerdings passt diese nicht zu meiner persönlichen Arbeitsweise. Ich lese Fachbücher und Artikel inzwischen hauptsächlich am Monitor, sortiere meine Literatur mit Citavi, sammle Notizen nicht in einem Notizbuch sondern mit Evernote und bin ein exzessiver Nutzer von Dropbox (natürlich verschlüsselt). Kurzum: Mein Workflow verläuft eher digital. Und gerade die unglaublichen Datenmengen, die bei der dokumentarischen Interpretation entstehen sind analog bei meiner Neigung zum Chaos nur schwer zu handhaben: Schließlich entstehen selbst bei der Interpretation kurzer Interviews schon vergleichsweise große Textmengen (achtseitige Interviews führen bei mir bereits zu ca. 50-100 Seiten Interpretation. Dabei ist es zweckmäßig, die sogenannte formulierende und die reflektierende Interpretation auch auf Dateiebene strikt zu trennen. Zudem verfasse ich zu jedem Fall am Ende eine Fallbeschreibung, die wieder in einer Datei landet. Sprich: Zu jedem Probanden gibt es am Ende mindestens vier verschiedene Dateien). Kurzum: Eine digitale Alternative musste her, die wenn möglich mehr kann als Word & Co. dies mitbringen.

Anforderungen an ein Software-System zur dokumentarischen Interpretation

Was also soll so eine digitale Alternative leisten, damit sich mir ein echter Mehrwert gegenüber vielen, vielen sortierten Word-Dateien ergibt? In meinen Augen sind dies vor allem die folgenden Punkte:

  1. Eine Volltextsuche, die mir das Durchsuchen sowohl von Interviews als auch der Interpretationen und Fallbeschreibungen erlaubt. So werden inter-Fallvergleiche (die für die dokumentarische Methode ja konstitutiv sind) einfacher möglich, indem ich nach bestimmten Stichworten direkt im Interview oder ein meinen Interpretationen suche.
  2. Vermeidung von Datei-Chaos, indem die Daten in möglichst wenigen Dateien übersichtlich gespeichert werden.

Eine fertige Software gibt es dazu meines Wissens nicht, selbst eine zu entwickeln ist zwar nicht unmöglich, aber doch eher unverhältnismäßig zeitaufwändig. Und übersteigt im Zweifel dann doch meine bescheidenen Fähigkeiten als Programmierer.

MaxQDA – auch für die sequentielle Auswertung?

MaxQDA drängt sich als Software für die qualitative Auswertung auf und ist in der wissenschaftlichen Community durchaus etabliert. Jedoch ist die Software vor allem auf die kategoriale Auswertung von Daten zugeschnitten (d.h. einzelne Textsegmente des Textes werden mit Codes versehen, die Entstehungsgeschichte und Reihenfolge der Segmente spielt für die Auswertung nur eine untergeordnete Rolle). Die dokumentarische Methode arbeitet dem gegenüber aber streng sequentiell, d.h. strukturiert und interpretiert den Text streng chronologisch und versucht, die der Sequenz zu Grunde liegende Regelhaftigkeit herauszuarbeiten. Eigentlich also zwei Arbeitsweisen, die sich gegenseitig beinahe ausschließen. Jedoch lässt  sich MaxQDA in meinen Augen auch sinnvoll für die dokumentarische Methode nutzen. Wie ich dies in meinem Projekt gelöst habe (bzw. noch mitten dabei bin, es zu lösen), möchte ich nun ausführlich darstellen.

Einfügen der Daten in MaxQDA & Struktur der Daten

Die Interviews transkribiere ich mit der tollen Software F4. Mit Word lassen sich in die entstandenen Dateien leicht Zeilennummerierungen einfügen und das ganze als PDF exportieren. Das sollte natürlich auch mit OpenOffice usw. kein grundsätzliches Problem darstellen. Der Export als PDF hat den Vorteile, dass jede Zeile später eine eindeutige Nummer zugeordnet bekommt – ganz unabhängig von Schriftgröße usw. So kann man sich später bei der Interpretation leicht und eindeutig auf bestimmte Textpassagen beziehen. Die so entstandenen PDF-Dateien importiere ich dann als neue Dokumente in MaxQDA, habe also pro Fall letztlich ein Dokument.

Die weiteren für die dokumentarische Interpretation notwendigen Daten werden nun einerseits in Form von Codes und – häufiger und wichtiger – in Form von Memos direkt im Dokument gespeichert. Somit sind alle Informationen zu einem Fall direkt in einem Dokument gespeichert. Das ist schonmal ein riesiger Fortschritt und entspricht voll und ganz meinem oben gemachten zweiten Punkt. Eine Volltextsuche lässt sich in MaxQDA recht bequem realisieren: Über „Analyse -> lexikalische Suche“ ist schnell und einfach eine Volltextsuche sowohl in den Dokumenten als auch in den Memos möglich. Das entspricht meinem ersten Punkt. Auf dieser oberflächlichen Ebene erfüllt MaxQDA also alle meine oben gemachten Anforderungen an ein Software-System für die dokumentarische Auswertung von Interviews. Das konkrete Vorgehen sieht dabei so aus:

  1. Die Textsortentrennung, die vor allem im Hinblick auf die reflektierende Interpretation interessant ist, erledige ich mit Hilfe eines kurzen Code-Systems. In den PDF-Dateien lassen sich so beispielsweise Erzählungen mit Hilfe der Maus markieren und der Code „Erzählung“ lässt sich per Drag-and-Drop entsprechend zuordnen. Dies führt zu einer guten Übersicht der einzelnen Textsorten direkt im Dokument – und es lässt sich über „Visual  Tools -> Dokumentenportrait“ eine ganz hübsche Grafik ausgeben, die das Vorkommen der einzelnen Textsorten im gesamten Dokument wiedergibt. Eher eine Spielerei, aber ganz hübsch. Die folgenden Bilder (klick zum Vergrößern!) zeigen, wie die beschriebenen Dinge dann in MaxQDA aussehen.
  2. Die formulierende Interpretation erledige ich mit Hilfe von Memos. Hierzu wird einfach der entsprechende Textbereich, auf den sich die formulierende Interpretation bezieht, mit der Maus markiert. Mit der rechten Maustaste lässt sich dann ganz leicht ein Memo einfügen. Hier schreibe ich dann zu dem gewählten Abschnitt die formulierende Interpretation, also das „was“ gesagt wird. Wichtig bei der Umsetzung ist: Nutzt einen bestimmten Memo-Typ für die formulierende Interpretation. Ich habe zu diesem Zweck die Memos mit der roten Ecke gewählt. Außerdem ist der Titel jedes roten Memos systematisch aufgebaut – er beginnt mit den Zeilennummern, gefolgt von der Überschrift („Oberthema“), das ich jedem Abschnitt zugeteilt habe. Ein entsprechendes Memo könnte also so aussehen:

    Struktur eines Memos zur formulierenden Interpretation.

    Struktur eines Memos zur formulierenden Interpretation.

  3. Die reflektierende Interpretation erfolgt eigentlich völlig analog. Jedoch bekommen Memos zur reflektierenden Interpretation einen anderen Memo-Typ zugeordnet: Ich habe mich für diejenigen mit der grünen Ecke entschieden. Als Titel für solche Memos wähle ich wie oben die entsprechenden Zeilennummern, gefolgt von einer genaueren Beschreibung der Textsortenstruktur des entsprechenden Abschnitts. Diese Titelstruktur hilft mir dabei, mir die Struktur des Abschnitts selbst noch einmal zu vergegenwärtigen. Wie das ganze dann im MaxQDA-Dokument aussieht, ist oben erkennbar (dort für ein „rotes Memo“ der formulierenden Interpretation). Besonders praktisch ist in dieser Phase der Arbeit ein zweiter Monitor: Auf dem einen läuft das Hauptfenster von MaxQDA mit dem entsprechenden Transkript und einer Übersicht aller Dokumente (=Fälle), auf dem anderen Monitor wird dann jeweils ein Memo erstellt. So lassen sich, ganz im Sinne des permanenten Fallvergleichs, im Hauptfenster bei offenem Memo auch Passagen anderer Fälle anzeigen (oder Suchergebnisse). So ist es leicht möglich, zwei Fälle hinsichtlich der Bearbeitung des gleichen Themas zu vergleichen – die Herausarbeitung von Orientierungsrahmen wird so erst möglich (und deutlich erleichtert im Vergleich zur Papiervariante!).
  4. Die Fallbeschreibungen erstelle ich als Dokumentmemo. Hierzu wird das entsprechende Dokument markiert und ein Memo mit der entsprechenden Fallbeschreibung erstellt. Zweckmäßig ist es, hier erneut einen anderen Memotyp zu wählen.

Das war es eigentlich schon, die Interpretationen sind in MaxQDA alle in einer durchsuchbaren Datenbank abgelegt, den jeweiligen Textstellen zugeordnet und durchsuchbar. Wie aber kann man mit den Daten weiterarbeiten?

Weiterverarbeitung der Daten

Die Antwort ist  der Memo-Manager von MaxQDA. Dieser ist über das Menü „Memos“ erreichbar. Besonders zweckmäßig finde ich die Funktion „Memos des aktuellen Dokuments ausgeben“ – dessen Funktion selbsterklärend ist: Man erhält eine sortierte Liste aller Memos des aktuellen Falles, also letztlich die gesamte Interpretation. Diese lässt sich nun durch Klick auf die Überschriften der  Tabelle verschieden sortieren. Besonders bewährt hat sich dabei bei mir die Sortierung nach Memotyp. So ist die gesamte formulierende bzw. reflektierende Interpretation chronologisch hintereinander aufgelistet. Formulierende und reflektierende Interpretation lassen sich durch Sortierung nach dem Memotitel direkt vergleichen (Erinnerung: Wir haben die Namen ja mit den jeweiligen Zeilennummern begonnen…).

Export der Memos in eine Word-Datei

Export der Memos in eine Word-Datei

Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Export-Funktion von MaxQDA: Durch einen Klick auf Exportieren können alle angezeigten Memos in ein Word-Dokument exportiert werden. Bei dieser Art des Exports bleiben alle Formatierungen des Memos (Fett- oder Kursivschreibung beispielsweise) vollständig erhalten. Ich nutze die exportierten Dateien, um mir kurz einen Gesamteindruck eines Falles zu verschaffen und daraufhin die Fallbeschreibung zu formulieren. Danach kann die exportierte Datei natürlich wieder gelöscht werden. Die Daten sind ja in MaxQDA gespeichert… Die weiteren Exportmöglichkeiten kann ich für die dokumentarische Methode nicht direkt empfehlen, da alle Formatierungen verloren gehen. Die Interpretationen werden dadurch dann deutlich unübersichtlicher.

Ich hoffe, mit diesem kleinen Einblick in meinen Workflow, Interessierten eine kurze Anregung gegeben zu haben, wie die dokumentarische Methode mit Hilfe der Software MaxQDA umsetzbar ist. Über Kommentare und Erfahrungen freue ich mich, das Kommentarfeld steht offen. Vielleicht ist dieses Vorgehen ja auch mit anderen QDA-Softwarepaketen möglich…?

MaxQDA ist eine eingetragene Marke der Verbi GmbH und steht in keinem Zusammenhang mit hsander.net.

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