Mein Promotionsprojekt: Emotion und Intuition beim Urteilen und Entscheiden

Und wieder habe ich viel zu lange versäumt, mich intensiv um meinen Blog zu kümmern. Dabei ist in letzter Zeit doch einiges passiert, unter anderem habe ich mit der Arbeit an meiner Promotion im Arbeitsbereich Physikdidaktik begonnen. Näheres zu unserer Arbeitsgruppe findet sich auf unserer Webseite. Da ich ab und an etwas über mein Promotionsprojekt auch hier im Blog schreiben möchte, will ich – endlich – mal die Gelegenheit nutzen und es hier ein wenig näher vorstellen. Mein Projekt wird dabei durch ein Promotionsstipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ermöglicht, dieser Artikel stellt im Wesentlichen eine (kommentierte) Zusammenschau der auf meiner Webseite bei der AG Physikdidaktik bzw. auf meiner Projektdarstellung in der Datenbank der DBU verfügbaren Informationen dar. Über Nachfragen / Hinweise / Kommentare /… im Kommentarfeld oder per Mail freue ich mich! Die folgenden Zitate stammen aus meiner Projektbeschreibung bei der DBU.

Die Problemlage

Junge Menschen sollen heute und in Zukunft schwerwiegende Gestaltungsprobleme lösen können: Klimawandel, Entscheidungen über die Risiken von Alltagstechnologien oder Begrenztheit natürlicher Ressourcen machen es erforderlich, über Gestaltungskompetenzen im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BnE) zu verfügen. BnE ist aber kein Unterrichtsfach, sondern soll sowohl in formellen als auch in informellen Bildungssektoren relevant sein. Die Förderung sogenannter Bewertungskompetenz als Teil einer umfassenden Gestaltungskompetenz (de Haan, 2004) wird zum expliziten Ziel der naturwissenschaftlichen Fachdidaktiken. Die Binnenstruktur von Bewertungs- oder auch Urteilskompetenz ist aber noch nicht ausreichend durch empirische Forschung verstanden worden. Dies wäre aber eine Voraussetzung, um wirksame und forschungsbasierte Bildungsangebote machen zu können. Das Forschungsprojekt will einen namhaften Beitrag dazu leisten.

Mein Forschungsprojekt verortet sich also im Bereich der Physikdidaktik und rekurriert auf den Diskurs um Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Meiner Einschätzung nach kann der naturwissenschaftliche Unterricht eben mehr als z.B. das Ohm’sche Gesetz und seine (häufig künstlich anmutende) Verwendung zu vermitteln. Er kann vielmehr einen sinnvollen Beitrag zur einer BnE leisten und in diesem Kontext Schüler (zumindest in Teilen) dazu befähigen, kompetent am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, d.h. sich in Debatten und Alltagssituationen, in denen naturwissenschaftliches Wissen eine Rolle spielt, sinnvoll zu positionieren. Und hier kommt auch das Thema Bewertungskompetenz ins Spiel. Neben vielfältigen Vorschlägen zur Förderung von Bewertungskompetenz und verschiedenen (meist mehr oder weniger normativen) Modellen dessen, was Bewertungskompetenz genau ist, gibt es nur wenige Untersuchungen, die zunächst – ohne starke Vorannahmen – Entscheidungsprozesse von Schülern im Kontext der nachhaltigen Entwicklung untersuchen:

Bereits entwickelte Kompetenzmodelle, die das Konstrukt Bewertungskompetenz modellieren, gehen davon aus, dass Menschen selbst in Alltagssituationen vorrangig rational entscheiden. Dem entgegen stehen Erkenntnisse der Umwelt- und Entscheidungspsychologie, die von Zwei-Prozess-Modellen ausgehen: Menschen entscheiden nur in bestimmte Kontexten durch rationales Abwägen von Argumenten. Stattdessen fällen sie ihre Urteile häufig auf holistisch-intuitive Weise. Sie sind dabei von Emotionen geleitet und rechtfertigen die so gefällten Urteile bestenfalls post-hoc auf rationale Weise. Pädagogisch-didaktische Versuche der Förderung von Bewertungskompetenz müssten diesen Umstand konsequent berücksichtigen, um ihre Erfolgsaussichten zu maximieren. Es bedarf der forschungsbasierten Weiterentwicklung von Modellen der Bewertungskompetenz. Genau dies ist das Ziel des Projekts.

Ich möchte also letztlich durch ein qualitatives Vorgehen das tatsächliche Entscheidungsverhalten untersuchen und so Impulse sowohl zur Weiterentwicklung vorhandener Kompetenzmodelle als auch zur Rolle des Physikunterrichts für eine BnE liefern.

Im Promotionsprojekt soll ein heterogenes Sample von Schülerinnen und Schülern mit Dilemmata, die eine Entscheidung erforderlich machen, konfrontiert werden. Die Dilemmata werden in Form kurzer Videovignetten präsentiert und sollen einen Nachhaltigkeitsbezug aufweisen. Die Kontexte der Dilemmata werden systematisch variiert, um entweder eher rationales oder eher intuitives Urteilen zu evozieren. Die Probandinnen und Probanden werden dabei ähnlich wie in klinischen Interviews dazu aufgefordert, ihre Gedanken und Gefühle fortwährend zu verbalisieren (lautes Denken). Das Datenmaterial wird kategorien-basiert ausgewertet und mit Hilfe der Dokumentarischen Methode im Hinblick auf die Orientierungsrahmen der Probandinnen und Probanden analysiert, um die Binnenstruktur realer Urteilsprozesse zu rekonstruieren. Auf der Basis dieser Analysen werden etablierte Kompetenzmodelle um Dimensionen und Ausprägungen ergänzt, die die Möglichkeit unterschiedlicher Typen des Urteilens und Entscheidens systematisch abbilden. Dieses neu entwickelte Modell soll sowohl Impulse zur weiteren Forschung im Bereich der naturwissenschaftlichen Bewertungskompetenz als auch zur weiteren Evidenz-basierten Unterrichtsentwicklung im Sinne einer BnE liefern.

Der aufmerksame Leser meines Blogs wird bemerkt haben, dass ich an etwas Ähnlichem bereits in meiner Masterarbeit gearbeitet habe. Einige der dort entwickelten Aufgaben haben nun in einer ersten Pilotstudie bereits neue Verwendung gefunden.

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