Phänomenta, Phänomene, Wagenschein

Am Freitag war ich mit der Uni in der Phänomenta in Flensburg. Es war großartig: wir haben unglaublich viele Experimente ausprobiert und mit ihnen im wahrsten Sinne des Wortes herumgespielt. Dabei haben wir auch noch Vieles über die Physik hinter den Dingen gelernt. Viel mehr möchte ich zu den Inhalten der Phänomenta aber auch gar nicht sagen. Selbst besuchen lohnt sich!

Was mich seit unserem Besuch dort beschäftigt ist ein kurzes Statement unseres Betreuers vor Ort:

Wir leben in einer Informationsgesellschaft, nicht in einer Wissensgesellschaft.

Diese Aussage ist auch in Bezug auf das Thema neue Medien und Veränderung des Lernens durch sie besonders wichtig und liefert mir neue Argumente, um Gunter Dueck zu widersprechen. So machen neue Medien in meinen Augen Experten nicht überflüssig, genauso wenig wie formale Bildung. Um das von ihm gebrachte Beispiel aufzugreifen: Mit Sicherheit hat ein Patient, der einige Zeit gegooglet hat, mehr Informationen über ein spezifisches Thema als beispielsweise der behandelnde Arzt. Jedoch – und das ist der große Unterschied: Der Arzt hat im Normalfall ein wesentlich größeres Wissen. Er kann Krankheiten im Zusammenhang sehen, hat ähnliche Krankheiten bereits behandelt und ist geübt in der Risikoabschätzung. Kurz: Der Arzt hat Wissen. Und genau dieses Wissen unterscheidet den Experten vom informierten Laien.

Um es auf den Punkt zu bringen: Durch die neuen Medien sind Informationen zwar ständig verfügbar. Jedoch sind Informationen, die nicht zu Wissen geworden sind, nur wenig wert. Wissen heißt in diesem Zusammenhang: Sinnliche Erfahrungen mit dem Gegenstand, die Fähigkeit, selbst mit der Information Probleme lösen. Oder, in neuerem pädagogischen Vokabular ausgedrückt, Kompetenz.

Ich will das an einem weiteren Beispiel aus der Physik festmachen: ich kann mir eine Webseite, zum Beispiel aus der wikipedia, durchlesen und erhalte daraus viele Informationen. Nehmen wir – ohne Beschränkung der Allgemeinheit- an, dass es sich um physikalische Gleichungen handelt. Ich kann diese zwar eventuell wiedergeben. Ich habe deswegen aber nichts im eigentlichen Sinn verstanden. Verstehen stellt sich erst ein, wenn Informationen verarbeitet werden. Es muss also (intelligent) geübt, an Experimenten herumgespielt, gerechnet und mit Vorwissen verknüpft werden. Erst dann stellt sich langsam Wissen im Sinne von wirklichem Verstehen ein. Da Verstehen nur, wie auch Herr Larbig schreibt, analog stattfinden kann, muss es offline und mit allen Sinnen geschehen. Welcher Ort eignet sich dazu besser als die Schule? Oder eben die Phänomenta. Das Internet kann bei der Beschaffung von Informationen gute Dienste leisten. Mehr aber auch nicht.

Und was hat Wagenschein damit zu tun? Wir haben die Methode des genetischen Gesprächs kennengelernt. Hierbei achtet der Moderator auf die Einhaltung der Gesprächsregeln:

  1. Nur einer spricht zur Zeit. Es gibt keine „Nachbarschafts-Gespräch“.
  2. Wer etwas sagen möchte, sagt es. Egal, wie sinnvoll es im ersten Moment erscheinen mag.
  3. Es wird streng am Phänomen orientiert diskutiert.

Im Rahmen dieses Gesprächs haben wir tatsächlich ein Exponat der Phänomenta erklärt. Und – das wichtigste: Alle haben es im besten Sinne verstanden. Zwar nicht unbedingt fachsprachlich korrekt. Aber wichtiger ist doch das „Wissen“ in oben erläutertem Sinne, oder? Mehr über das „genetische Gespräch“ findet sich hier.

Außerdem: Das Verstehen – ausgehend von Phänomenen – ist Wagenschein pur. Damit habe ich mich an anderer Stelle schon einmal auseinandergesetzt.

Was ist die pädagogische Dimension des Physikunterrichts?

Unglaublich, wie wenig Zeit mir die Uni manchmal zum Schreiben lässt. Als erstes leidet dieser Blog darunter. Deswegen möchte ich die Gunst der Stunde nutzen und einen Text, den ich für ein Fachdidaktikseminar geschrieben habe „Zweitverwerten“.

Worum es geht? Ganz einfach: Um die pädagogische Dimension des Physikunterrichts. Ausgangspunkt ist ein Text von Martin Wagenschein („Rettet die Phänomene!“). In diesem Artikel in der Zeitschrift „Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht“ (MNU, 1977) plädiert Wagenschein sehr schlüssig für ein Primat der Phänomene im Physikunterricht. Er beobachtete in meinen Augen sehr zutreffend, dass viele Schüler und sogar Studenten der Physik von den eigentlichen Phänomenen, die eine Modellbildung erst erforderlich machen, entfremdet sind. Anders gesagt: Viele können zwar die Brown’sche Molekularbewegung erklären, haben sie aber nie gesehen.

Von diesem Aufsatz ausgehend habe ich ein kleines Essay verfasst, dass ich nun hier veröffentlichen möchte. Ich bin auf Kommentare gespannt!

Das Thema dieses kurzen Essays soll „Die pädagogische Dimension des Physikunterrichts nach Martin Wagenschein“ sein. Zu allererst möchte ich daher die naheliegende Frage klären, was genau eigentlich unter der „pädagogische Dimension“ von Physikunterricht zu verstanden werden kann.

Ich möchte nun den Begriff näher umreißen und das Feld von hinten aufrollen. Daher beginne ich mit dem Begriff des Physikunterrichts.

Physikunterricht ist meiner Ansicht nach zunächst etwas grundsätzlich anderes als die Physikwissenschaft. Physikunterricht findet regelhaft in Schulen durch speziell ausgebildete Lehrer statt und möchte einen mehr oder weniger klar umrissenen Kanon an Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern anlegen. Physikunterricht hat natürlich aufgrund seines Bezugs auf die Wissenschaft Physik (was etwas anders ist als zu behaupten, Physikunterricht sei mit der Wissenschaft Physik identisch) eine rein physikalische Dimension. Diese schlägt sich in den vergleichsweise klar umrissenen fachlichen Inhalten des Unterrichts deutlich nieder. Wenn also Physikunterricht eine rein physikalische oder auch wissenschaftliche Dimension aufweist: Was ist mit der pädagogischen Dimension gemeint?

Pädagogik hat ganz allgemein gesprochen zum Ziel, Menschen zu verändern. Dieses kann sowohl auf ihr Wissen als auch auf ihre Verhaltensweisen bezogen werden. Die Kernfrage könnte anders formuliert also sein: Auf welche Weise kann Physikunterricht Menschen verändern – und warum kann dies eine wichtige Legitimation für den Physikunterricht sein?

Physikunterricht kann natürlich Unmengen an Gleichungen und Faktenwissen vermitteln und so das Wissen des Menschen verändern. Dieser Umstand allein legitimiert aber wohl kaum, dass Physikunterricht an unseren Schulen stattfindet. Es geht aber auch anders – und hier kommt Wagenschein ins Spiel wenn er fordert „Rettet die Phänomene!“. Physikunterricht, der Phänomene unverfälscht zeigt, zeigt Schülerinnen und Schülern auch die Schönheit der Natur – eben die Naturphänomene. Werden ausgehend von diesen tragfähige Modellvorstellungen langsam und mit viel Bedacht entwickelt, erschließt sich den Schülern nach und nach eine neue, erstaunliche Möglichkeit, die Welt zu betrachten: Die Physik als Erkenntnismethode. Wie Wagenschein es ausdrückt: Physik beschränkt sich in kluger Weise selbst. Und wie ich hinzufügen möchte: Bekommt gerade durch diese Selbstbeschränkung ein unglaubliches Erklärungspotential für alltägliche Phänomene.

Allein dieser – für die meisten Schülerinnen und Schüler neue – Zugang zur Wirklichkeit rechtfertigt in meinen Augen bereits, dass Physikunterricht absolut notwendig an allgemeinbildenden Schulen ist. Physikunterricht kann – wird er mit viel Ruhe, ausgehend von Naturphänomenen, nur behutsam abstrahierend durchgeführt – den Schülern zumindest in Ansätzen eine neue Betrachtung der Welt mit auf den Weg geben und so ihre Einstellung zur Wirklichkeit grundlegend verändern. Wichtig ist aber, um weiter bei Wagenschein zu bleiben, dass Physik nicht als „die Natur an sich“ verstanden wird. Physik vereinfacht, abstrahiert, modelliert und beschreibt. Jedoch kann diese Beschreibung, so genau sie auch ist, niemals das Phänomen selbst sein, sondern eben nur seine Beschreibung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dies sollte auch im Physikunterricht deutlich werden.

Steckt vielleicht noch mehr „Pädagogisches“ in der Physik? Ich meine ja. So bietet der Physikunterricht die vielleicht einmalige Chance, Beobachten und Beschreiben zu lernen. Werden Phänomene der Wirklichkeit beobachtet, so stellt sich mehr oder minder zwanglos ein immer genauer werdender Blick auf die Welt bei den Schülerinnen und Schülern ein. Fragen und Hypothesen werden formuliert, diskutiert, verworfen, neu entwickelt, wieder verworfen und so fort. Physikunterricht kann also auch die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten fördern – wenn den Schülern, wie Wagenschein dies fordert, genügend Zeit gelassen wird. Zeit, grundlegende Phänomene wie die Brown’sche Molekularbewegung, Schallausbreitung oder Beugungsphänomene mit alltäglichen Gegenständen mit allen Sinnen zu erfahren, zu erforschen und zu diskutieren.

[Alle Aussagen, die ich Wagenschein zuschreiben, entstammen dem Artikel Wagenschein, M. (1977): Rettet die Phänomene! (Der Vorrang des Unmittelbaren). In: MNU. Jahrgang 30(3).]