{"id":703,"date":"2014-03-14T15:24:36","date_gmt":"2014-03-14T13:24:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hsander.net\/wordpress\/?p=703"},"modified":"2016-01-19T13:15:36","modified_gmt":"2016-01-19T11:15:36","slug":"warum-man-physik-nicht-nur-online-lernt-ein-kommentar-zu-richard-david-precht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hsander.net\/wordpress\/2014\/03\/14\/warum-man-physik-nicht-nur-online-lernt-ein-kommentar-zu-richard-david-precht\/","title":{"rendered":"Warum man Physik nicht nur online lernt. Ein Kommentar zu Richard David Precht."},"content":{"rendered":"<p><del>Heute morgen<\/del> Vor einigen Tagen bin ich bei Twitter auf einen <a href=\"http:\/\/blog.bildungsdoc.de\/der-wert-der-bildung-fuer-die-zukuenftige-gesellschaft\/\">interessanten Artikel<\/a> gesto\u00dfen, der mich zu einem l\u00e4ngeren Kommentar reizt. Eine gute Gelegenheit, um meinem Blog mal wieder inhaltliches Leben einzuhauchen!<\/p>\n<p>In dem bereits angek\u00fcndigten Artikel geht es um die Keynote des deutschen Philosophen Richard David Precht, der ja schon oftmals mit teils provozierenden Thesen zum deutschen bildungssystem aufgefallen ist. Er kritisiert die Gliederung der Schule in Unterrichtsf\u00e4cher und pl\u00e4diert f\u00fcr st\u00e4rker projektorientiertes Arbeiten, am besten f\u00e4cher\u00fcbergreifend. Soweit, so klar. Im Folgenden beziehe ich mich auf den Blogeintrag, nicht auf die Originalrede von Precht, die ich nicht geh\u00f6rt habe. Ich gehe dabei chronologisch entlang des Artikels von bildungsdoc vor.<\/p>\n<blockquote><p>\"Dass wir den Unterricht so schematisieren als w\u00e4re die Welt ein Apothekerschrank, in dem es lauter F\u00e4cher gibt, ist dem vernetzten Denken nicht zutr\u00e4glich\u201c, kritisiert Richard David Precht das aktuelle Schulsystem. Genau das Gegenteil sei notwendig. Denn alle gro\u00dfen Innovationen der Menschheit seien dadurch entstanden, dass jemand erstmals Dinge miteinander in Verbindung brachte, die scheinbar nichts miteinander zu tun h\u00e4tten. Projektarbeiten und individuelles Lernen empfiehlt der Philosoph deshalb ab dem sechsten Schuljahr<\/p><\/blockquote>\n<p>Trotzdem ist eine Gliederung, die ja nicht nur historisch bedingt ist, aus meiner Sicht in Ma\u00dfen sinnvoll. Um Precht auf quasi eigenem Gebiet, der Philosophie,\u00a0 zu kritisieren: betrachtet man die Wissenschaften selbst, so besch\u00e4ftigen sich diese relativ klar mit unterschiedlichen Dingen. W\u00e4hrend sich die Naturwissenschaften, verzeiht die kurzzeitig realistische Denkweise, mit Dingen ohne eigenen Willen besch\u00e4ftigen, besch\u00e4ftigt sich die Sozialwissenschaft mit sozialer, d.h. von Akteuren mit eigenem Verstand bereits konstruierter Wirklichkeit. Mit Sch\u00fctz gesprochen geht es im ersten Fall also um Konstruktionen erster, im zweiten Fall um solche zweiter Ordnung. \u00c4hnliche \u00dcberlegungen lassen sich sicherlich f\u00fcr geistes-, sprach- und k\u00fcnstlerische Wissenschaften anstellen. Diese Unterschiede im Wirklichkeitszugriff m\u00fcssen sich, folgt man der These, dass sich die F\u00e4cher in der Schule zumindest auch auf die Wissenschaften beziehen, in meinen Augen in Teilen in der Schule widerspiegeln. Zudem ist, wie nicht erst seit Hattie diskutiert wird, der Lehrer wichtig f\u00fcr gelingendes Lernen. Und nur motivierte, f\u00fcr ihr Fachgebiet begeisterte Lehrer k\u00f6nnen nachhaltiges Lernen erm\u00f6glichen. Lehrer, die sich f\u00fcr alles begeistern, wird man aber wohl vergebens suchen. Kurzum: aus meiner Sicht ein klares Ja zu mehr f\u00e4cher\u00fcbergreifendem Lernen. Und auch zu Gedanken \u00fcber weniger F\u00e4cher. Eine vollst\u00e4ndige Aufl\u00f6sung der F\u00e4cher? Nein.<\/p>\n<blockquote><p>\"Mathe und Physik lernt man zum Beispiel am besten am Computer \u2013 ohne st\u00f6rende Klassenkameraden, die nicht mehr folgen k\u00f6nnen, auf die der Lehrer aber R\u00fccksicht nehmen muss\u201c, so Precht. Bereits heute sei hochintelligente Lernsoftware auf dem Markt, beispielsweise entwickelt von der Khan Academy und von amerikanischen Elite-Unis wie dem MIT oder Harvard.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und hier ist mir dann wirklich ein wenig der Kragen geplatzt. Zun\u00e4chst einmal spricht sich Precht und auch der Autor des Blogs gegen reines Faktenlernen aus, zumindest implizit. Und dann soll man Physik und Mathematik lieber gleich per PC einbimsen? Als ob diese F\u00e4cher allein aus Fakten best\u00fcnden.<\/p>\n<p>Besonders f\u00fcr die Physik gilt hier aus meiner Sicht noch immer das Diktum von Martin Wagenschein : rettet die Ph\u00e4nomene! Gerade in der heutigen Zeit kommt, im Lichte eines Prechts, diesen Ph\u00e4nomenen besondere Bedeutung zu. Diese k\u00f6nnen eben nicht digital unmittelbar erfahren und exploriert werden. Dies geht nur analog und aus meiner Sicht nur gemeinsam mit anderen Sch\u00fclern. Durch die Auseinandersetzung mit Natur bilden sich hier eigene, auch soziale Kompetenzen heraus. Dies, lieber Herr Precht, ist Physik. Nicht das Auswendiglernen von Fakten.<\/p>\n<p>Auch mit Blick auf die Wissenschaft Physik ist ein rein digitales Lernen undenkbar. Folgt man meiner Argumentation von oben, so sollte der schulische Physikunterricht auch das Lernen \u00fcber Physik, mithin das eigene Erfahren von Physik, erm\u00f6glichen. Und die Physik ist inh\u00e4rent sozial. Durch eine Vermittlung allein des Lehrbuchwissens erziehen wir in der Schule wissenschaftsgl\u00e4ubige Sch\u00fcler, die sich nicht kritisch zu naturwissenschaftlichen Sachverhalten positionieren k\u00f6nnen. Das muss allerdings das Ziel von Schule sein.<\/p>\n<p>Prechts Argument, dass schw\u00e4chere Sch\u00fcler die st\u00e4rkeren beim Lernen behindern w\u00fcrden, ist auf den ersten Blick sehr plausibel. Aus der empirischen Forschung wissen wir mittlerweile aber recht gut, dass Heterogenit\u00e4t f\u00fcr alle eher positiv ist - entsprechend qualifizierte Lehrer vorausgesetzt. Zudem ist der Umgang mit eigenen und fremden Schw\u00e4chen aus meiner Sicht ein wichtiges Bildungsziel - und nur in heterogenen Lerngruppen erreichbar. Zudem bestehen Naturwissenschaften ja nicht nur aus dem rein kognitiven Durchdringend von Fakten. Vielmehr zeichnet sich gerade die Physik als gr\u00f6\u00dftenteils experimentelle Wissenschaftdurch soziale Praxis aus. In diese soziale Praxis kann jeder Sch\u00fcler seine F\u00e4higkeiten einbringen - und sei es als Protokollant, talentierterExperimentator oder eben gro\u00dfer Theoretiker. Nur so ist der Erwerb eines positiven Selbstbilds und eines positiven Wissenschaftsbildes m\u00f6glich.<\/p>\n<blockquote><p>\"Wichtig ist, was junge Menschen k\u00f6nnen, wenn sie aus der Schule kommen \u2013 und vor allen Dingen, was sie langfristig aus ihrer Schulzeit mitnehmen\u201c, betont der Buchautor. Das reine Wissen verliere an Bedeutung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sicher verliert reines Wissen teilweise an Bedeutung. Jedoch ist eine irgendwie geartete Kompetenz nicht ohne Wissen denkbar. Wie kann ich bspw. einen physikalischen Sachverhalt addressatengerecht kommunizieren ohne etwas, das ich kommuniziere?<\/p>\n<blockquote><p>Es gebe zwar elementare Kompetenzen, die jeder erlernen m\u00fcsse. Schulabg\u00e4nger sollten sich laut Precht beispielsweise m\u00fcndlich und schriftlich so gut wie m\u00f6glich ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, Grundlagen der Mathematik beherrschen, ein historisches Bewusstsein entwickeln und \u00fcber Politik und Wirtschaft informiert sein. Auch k\u00fcnstlerische und sportliche F\u00e4higkeiten gelte es zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>\"Wir sollten die F\u00e4higkeiten in den MINT-F\u00e4chern grunds\u00e4tzlich verbessern. Das schaffen wir aber nur, wenn dies nicht von allen Sch\u00fclern erwartet wird.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Aussage Istaufkommen didaktischer Sicht ziemlicher Quark. Als Schule haben wir nicht den Auftrag, physikalische Fachexperten zu erziehen. Vielmehr geht es um die Ausbildung einer naturwissenschaftlichen Grundbildung. Diese sollte die Sch\u00fcler zu einer aktiven Teilhabe an der Gesellschaft bef\u00e4higen, also bspw. dazu, sich zu naturwissenschaftlichen Sachverhalten zu positionieren. Die Ausbildung von Physikern ist dann in Teilen Sache der Oberstufe und der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine naturwissenschaftliche Grundbildung sollte am Ende der Schulzeit jeder besitzen. Genauso wie jeder eine mathematische und sprachliche Grundbildung besitzen sollte.<\/p>\n<blockquote><p>Ein Manko der Schulausbildung sei derzeit die Vorbereitung junger Menschen auf eine F\u00fchrungslaufbahn. \u201eTop-Manager sind fast alle fehlausgebildet. Die meisten haben eine Elite-Uni besucht, eine Zusatzqualifikation erworben und noch dieses oder jenes Zertifikat.\u201c Das sei nur mit viel Flei\u00df zu schaffen und dabei bleibe die Zeit zur Pers\u00f6nlichkeitsreifung auf der Strecke. \u201eDeswegen m\u00fcssen wir die Stoffmenge dramatisch reduzieren.\u201c<br \/>\nHeranwachsende sollten lernen, sich gut auszudr\u00fccken, vor allen Dingen m\u00fcndlich. \u201eFreie Vortr\u00e4ge halten, auf Leute wirken durch die Kunst der Rede, Leute \u00fcberzeugen \u2013 das sind Dinge, die kommen in der Schule nur am Rande vor, weil sie M\u00fcndliches schlechter objektiv bewerten k\u00f6nnen als schriftliche Leistungen.\u201c Zudem fehle bislang im Schulstoff das Thema, wie man Entscheidungen treffe und gut mit Menschen umgehe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Letzteres versuchen ja Fachdidaktiker zu erreichen - unterwandertem ich in meinem <a href=\"https:\/\/www.hsander.net\/wordpress\/2013\/08\/07\/mein-promotionsprojekt-emotion-und-intuition-beim-urteilen-und-entscheiden\/\">Promotionsprojekt<\/a>. Freie Vortr\u00e4ge sind mittlerweile an den meisten Schulen an der Tagesordnung - allerdings ohne Fachinhalte auch kaum denkbar. Hier deutet sich erneuter innere Widerspruch in Prechts Argumentation an. Ohne Fachinhalte lassen sich weder Vortr\u00e4ge halten noch Entscheidungen treffen.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigen die Einlassungen von Precht gro\u00dfe Ambitionen - jedoch ohne entsprechendes Fachwissen \u00fcber Schule und Unterricht zu besitzen. Dieses Unwissen vermengt sich dann bei Precht mit einem aus meiner Sicht fragw\u00fcrdigen Bildungsverst\u00e4ndnis, das Schw\u00e4tzereien h\u00f6her bewertet als Allgemeinbildung.<\/p>\n<p>Zudem ist die Revolution, die Precht implizit f\u00fcr die Schule reklamiert, nicht ohne die Lehrer zu machen. Deren Arbeit ist sicher nicht immer perfekt - welcher Beruf kann dies f\u00fcr sich reklamieren? Aber sie durch Schreie nach Revolutionen komplett abzuwerten, erzeugt zwar mediale Aufmerksamkeit. An der schulwirklichkeit \u00e4ndert dies jedoch nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen Vor einigen Tagen bin ich bei Twitter auf einen interessanten Artikel gesto\u00dfen, der mich zu einem l\u00e4ngeren Kommentar reizt. Eine gute Gelegenheit, um meinem Blog mal wieder inhaltliches Leben einzuhauchen! 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