{"id":2513846,"date":"2024-03-29T17:04:11","date_gmt":"2024-03-29T16:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hsander.net\/wordpress\/?p=2513846"},"modified":"2024-03-29T18:11:44","modified_gmt":"2024-03-29T17:11:44","slug":"ki-bedenken-und-potentiale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hsander.net\/wordpress\/2024\/03\/29\/ki-bedenken-und-potentiale\/","title":{"rendered":"KI: Bedenken und Potentiale"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/https:\/\/ebildungslabor.de\/blog\/aufruf-zur-blogparade-kibedenken\/\">Nele Hirsch<\/a> und <a href=\"http:\/\/https:\/\/joschafalck.de\/blogparade-kibedenken\/\">Joscha Falck <\/a>haben gemeinsam zu einer Blogparade aufgerufen, die sich kritisch mit dem Thema k\u00fcnstliche Intelligenz in der Bildung befassen soll. Der passende Hashtag hierzu ist <a rel=\"tag\" class=\"hashtag u-tag u-category\" href=\"https:\/\/www.hsander.net\/wordpress\/tag\/kibedenken\/\">#KIBedenken<\/a>. Es gibt bereits eine Vielzahl spannender Beitr\u00e4ge - und ich hoffe, an der einen oder anderen Stelle einen weiteren Gedanken hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Meine Perspektive ist hierbei eine doppelte: Als Lehrer bin ich auf der einen Seite zunehmend mit der Nutzung von KI-Tools, allen voran ChatGPT und Bing Copilot, durch Sch\u00fcler:innen konfrontiert. Auf der anderen Seite bin ich selbst neugierig, habe viele Dinge ausprobiert und plane derzeit ein Seminarfach zum Thema k\u00fcnstliche Intelligenz.<\/p>\n<h1>Probleme und Bedenken<\/h1>\n<p>Nele und Joscha formulieren in ihrem Beitrag verschiedene Bedenken zur Nutzung von KI im Unterricht: (1) KI dr\u00e4nge andere wichtige Themen in den Hintergrund, es gebe (2) einen fehlenden Fokus auf das Lernen und (3) - damit verbunden - eine Verdr\u00e4ngung des Diskurses um eine Ver\u00e4nderung der Lernkultur. Zudem fehlten (4) empirische Belege f\u00fcr die Wirksamkeit des Einsatzes von KI und spiele (5) dem Profitstreben gro\u00dfer Konzerne in die H\u00e4nde. Ich teile diese Bedenken weitgehend. Ich werde daher im folgenden versuchen, dar\u00fcber hinausgehende Bedenken aus meiner Perspektive n\u00e4her zu betrachten.<\/p>\n<h2>Energiebedarf<\/h2>\n<p>Gro\u00dfe Bedenken bei der Nutzung von KI-Tools habe ich als Physiklehrer im Hinblick auf den unfassbaren Energiebedarf von Tools wie ChatGPT: Selbst OpenAI, die Firma hinter dem prominenten ChatGPT, sieht hier Probleme bei der zunehmenden Entwicklung von KI und der damit verbundenen zunehmenden Nutzung auf uns zukommen. Es scheint so, als sei OpenAI optimistisch, dass sich diese in naher Zukunft durch <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2024\/03\/26\/climate\/ai-energy-nuclear-fusion-climate-intl\/index.html\">Kernfusion<\/a> l\u00f6sen lie\u00dfen. Ich pers\u00f6nlich halte diese Hoffnung f\u00fcr unrealistisch (und bin hiermit <a href=\"https:\/\/www.base.bund.de\/DE\/themen\/kt\/kta-deutschland\/kernfusion\/kernfusion.html\">nicht allein<\/a>). Die Frage, f\u00fcr welche Zwecke wir im Angesicht des Klimawandels Energie nutzen wollen, muss aus meiner Sicht gestellt werden. KI erh\u00f6ht den Energieverbrauch immens - und das alles bei einer zunehmenden Elektrifizierung anderer Bereiche (W\u00e4rme, Verkehr, ...).<\/p>\n<p>Mit dem hohen Energieverbrauch ist der damit verbundene <a href=\"https:\/\/lifestyle.livemint.com\/news\/big-story\/ai-carbon-footprint-openai-chatgpt-water-google-microsoft-111697802189371.html\">CO2-Fu\u00dfabdruck<\/a> aus meiner Sicht ein Problem. Und auch der <a href=\"https:\/\/puiij.com\/index.php\/research\/article\/view\/39\">Wasserverbrauch<\/a> ist nicht zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<h2>Wettr\u00fcsten und Learning for the Grade<\/h2>\n<p>Im vergangenen Schuljahr habe ich an mehreren Stellen erlebt, dass Sch\u00fcler:innen KI-Tools nutzen, um Texte zu verfassen - beispielsweise im Rahmen der Facharbeit, aber auch zur Erledigung von Hausaufgaben. Manchmal wurden diese schlicht per Copy-Paste \u00fcbernommen (und so Dinge wie Hyperlinks zu Bing oder die \"Antworten\" von ChatGPT nicht entfernt). Manchmal wurden die Ergebnisse als Grundlage genommen und offensichtlich \u00fcberarbeitet. Gleichzeitig wurde im Kollegium bereits lang und breit das <a href=\"https:\/\/ki.fh-wedel.de\/\">Tool der FH Wedel<\/a> zur Erkennung KI-generierter Texte geteilt. Es bahnt sich also ein Wettr\u00fcsten an, was den Blick - wie auch Nele und Joschka es beschreiben - auf das Lernen und die f\u00fcr den Umgang mit KI-Tools notwendigen Kompetenzen verstellt.<\/p>\n<p>Zudem: Werden Aufgaben allein durch KI bearbeitet (und per Copy-Paste \u00fcbernommen), dann fehlt eine Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Lerngegenstand. Wird dieses Vorgehen als erfolgreich erlebt, so versch\u00e4rft sich die ohnehin weit verbreitete Sichtweise auf Lernen, dass es nur um das Erreichen von Noten geht. Schule wird somit noch weiter zu einem Raum, indem es nur noch um das Erlangen von Qualifikationszertifikaten geht - und nicht um Bildung und Auseinandersetzung mit Lerngegenst\u00e4nden. Eine derartige Entwicklung steht aktuellen didaktischen Ans\u00e4tzen und Bildungstheorien diametral entgegen.<\/p>\n<h2>Fake News<\/h2>\n<p>Texte von ChatGPT &amp; Co. klingen oftmals sehr uniform, sie sind - au\u00dfer Prompts werden kreativ und umfassend erprobt - meist wenig kreativ (Achtung, subjektiver Eindruck). Hierdurch geht Kreativit\u00e4t verloren. Zudem k\u00f6nnte die Zunahme KI-generierter Texte dazu f\u00fchren, dass zuk\u00fcnftige KI irgendwann nur noch von durch KI generierten Texten lernt. Die Konsequenz ist eine sinkende Qualit\u00e4t des Outputs (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/pdf\/2305.17493.pdf\">Studie<\/a>)). Zum Teil wurde hier die aus meiner Sicht treffende Bezeichnung <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/leben\/international-panorama\/wenn-ki-sich-selbst-trainiert-forscher-warnen-vor-neuem-phaenomen\/\">Habsburger-KI<\/a> gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Und selbst wenn KI-Tools so genutzt werden, wie ich es mir vorstelle (als Werkzeug; f\u00fcr Alle verf\u00fcgbare Tutorin; als \"Gespr\u00e4chspartner\" zum Lernen): KI produziert immer wieder Fehler. Und hier besteht ein Dilemma: Fehler sehe ich nur, wenn ich mich bereits auskenne. Anders gesagt: Ich als \"Experte\" in meinem Bereich sehe sehr schnell, wenn KI-generierte Texte kleinere Fehler enthalten und kann diese korrigieren. Lernende sind eben Lernende: Sie wollen sich ein Thema oder eine F\u00e4higkeit erschlie\u00dfen und aneignen. Es fehlt daher zun\u00e4chst das notwendige Hintergrundwissen, um die Korrektheit der Informationen zu beurteilen. Einen Ausweg aus diesem Dilemma sehe ich derzeit leider kaum.<\/p>\n<h1>Potentiale<\/h1>\n<p>Ich will es nicht verheimlichen: Trotz aller Probleme bin ich nach wie vor fasziniert vom Potential von KI. Auch und Gerade im Rahmen des Seminarfachs habe ich gemeinsam mit meinen Sch\u00fcler:innen vieles ausprobiert und m\u00f6chte einige Aspekte hier beispielhaft nennen, die \u00fcber die blo\u00dfe Textproduktion hinausgehen.<\/p>\n<h2>Inhaltsanalyse<\/h2>\n<p>In meinem derzeitigen Seminarfach erproben wir die Anwendung von Methoden der qualitativen Sozialforschung. Exemplarisch nutzen wir zur Auswertung von Interviews die qualitative Inhaltsanalyse. In Anlehnung an <a href=\"https:\/\/shribe.de\/qualitative-inhaltsanalyse-mit-chatgpt\/\">eine Anleitung von Shribe<\/a> haben wir die Ergebnisse der eigenen Analyse mit den Ergebnissen von ChatGPT verglichen. Es zeigte sich, dass KI zu durchaus vergleichbaren Ergebnissen gelangen kann - und als Grundlage der Reflektion und Weiterentwicklung eines eigenen Kategoriensystems dienen kann. Um fair zu sein: Die Entwicklung eines funktionierenden Prompts kostet selbstverst\u00e4ndlich eine Menge an Zeit und Wissen \u00fcber die Methode.<\/p>\n<h2>Texterschlie\u00dfung<\/h2>\n<p>Im Rahmen des gleichen Kurses konnten die Sch\u00fcler:innen die KI-Tools von <a href=\"https:\/\/fobizz.com\/\">fobizz<\/a> nutzen. Insbesondere die M\u00f6glichkeit, sich umfangreiche Fachtexte mithilfe von KI erkl\u00e4ren und zusammenfassen zu lassen wurde von den Sch\u00fcler:innen als hilfreich wahrgenommen. KI kann hier die sprachlichen H\u00fcrden senken und einen ersten Zugang auch zu komplexeren Fachtexten erm\u00f6glichen.<\/p>\n<h2>Feedback zu Lernaufgaben<\/h2>\n<p>In anderen Kursen habe ich bislang die M\u00f6glichkeiten von Feedback-Tools wie <a href=\"https:\/\/www.fiete.ai\">fiete<\/a> ausgelotet. Diese sind derzeit aus meiner Sicht im naturwissenschaftlichen Unterricht nur begrenzt einsetzbar - und zwar genau dann, wenn die Versprachlichung komplexerer Zusammenh\u00e4nge gefordert wird. Insbesondere im Hinblick auf die fachsprachliche Qualit\u00e4t der Sch\u00fclerl\u00f6sungen konnte die KI hier oftmals hilfreiches Feedback formulieren. F\u00fcr eher mathematisch strukturierte Aufgaben wurde die KI hingegen von den Sch\u00fcler:innen als wenig hilfreich wahrgenommen - eine Sichtweise, die ich bislang teile.<\/p>\n<h1>Fazit<\/h1>\n<p>Was ist also mein vorl\u00e4ufiges Fazit? Auch ich habe viele offene Fragen und Bedenken im Hinblick auf die Nutzung von KI. Gleichzeitig sehe ich vielf\u00e4ltige Anwendungen - auch im Hinblick auf einen st\u00e4rker Sch\u00fcler:innen zentrierten Unterricht. KI kann somit - allen Gefahren zum Trotz - durchaus Impulse f\u00fcr die Weiterentwicklung von Schule und Unterricht liefern. Insofern sind KI-Tools ein \"neues\" Tool im Werkzeugkasten.<\/p>\n<p>Anderseits: Der derzeit zu beobachtende <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hype-Zyklus\">Hype<\/a> ist sicherlich durch \u00fcberzogene Erwartungen gepr\u00e4gt. Wir alle tun gut daran, den Hype etwas abzuk\u00fchlen und uns - im Bewusstsein der Gefahren und Probleme - einem pragmatischen Umgang mit KI zu n\u00e4hern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nele Hirsch und Joscha Falck haben gemeinsam zu einer Blogparade aufgerufen, die sich kritisch mit dem Thema k\u00fcnstliche Intelligenz in der Bildung befassen soll. Der passende Hashtag hierzu ist #KIBedenken. Es gibt bereits eine Vielzahl spannender Beitr\u00e4ge &#8211; und ich hoffe, an der einen oder anderen Stelle einen weiteren Gedanken hinzuzuf\u00fcgen. 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