Warum sich etwas ändern muss! (#opco11 – Woche 1)

So das Thema der ersten Woche des OpenCourses 2011. Ja, warum muss sich eigentlich etwas ändern? Die erste Woche des #opco11 neigt sich dem Ende entgegen, die erste Live-Session ist vorbei und es sind viele interessante Beiträge entstanden. Besonders gewinnbringend finde ich bisher das von @_Rya_ gestartete Etherpad, in dem bereits vielfältige Gedanken geäußert wurden, „warum sich etwas ändern muss“. Die meisten der dort genannten Argumente beziehen sich entweder auf den Einsatz von Medien oder sind eher allgemeindidaktischer Natur. Den dort gemachten Überlegungen kann ich größtenteils zustimmen, finde aber als angehender Chemie- und Physiklehrer auch gerade auf den naturwissenschaftlichen (Fach-)Unterricht bezogene Gründe, „warum sich etwas ändern muss“. Diese möchte ich thesenartig zusammenfassen.

  • Die Methodik des Unterrichts muss sich ändern. Nicht unbedingt zu völlig individualisiertem Lernen hin, aber doch zu einem bunten Mix aus Lernformen. Kein Lehrer kann sich mehr einbilden, eine völlig homogene Klasse vor sich zu haben. Deshalb sind die Zeiten des reinen Frontalunterrichts gezählt. Offenere Unterrichtsformen können neue Technologien einbinden, Frontalunterricht widerspricht dem Grundgedanken des kollaborativen Lernens.
  • Die Inhalte des Unterrichts müssen sich ändern. Reines Faktenwissen ist in meinen Augen zwar nach wie vor notwendig, um reflektiert und sachbezogen Stellung zu verschiedensten Fragestellungen nehmen zu können. Außerdem gehört ein Mindestmaß an Wissen zu dem, was ich unter „Bildung“ verstehe. Mindestens genauso wichtig wie Faktenwissen sind aber methodische Kenntnisse: Wie lerne ich? Wie beurteile ich Wissensquellen? Wie organisiere ich Lernprozesse? Hier können Tools wie Wikis, Blogs, … neue Lernerfahrungen ermöglichen und neue Möglichkeiten aufzeigen.
  • Besonders im naturwissenschaftlichen Unterricht muss weniger auf Fachbegriffe als auf Verstehen gesetzt werden. Das heißt auch für den Lehrer: für die Schüler neue Fachbegriffe hinterfragen, ob diese wirklich notwendig  sind. Die Praxis sieht oftmals anders aus, wird sich aber hoffentlich nach und nach ändern.
  • Das Verhältnis von Lehrern und Schülern muss sich ändern. Lehrer haben eine unbestreitbare Vorbildrolle. Diese müssen sie annehmen, in dieser Rolle aber auch zeigen, dass sie selbst lern- und kritikfähig sind. Konkret bedeutet dies: Offensein für Ideen der Schüler, Feedback von den Schülern und an die Schüler institutionalisieren, didaktische Überlegungen ehrlich kommunizieren und den „roten Faden“ der Unterrichtsplanung aufzeigen. Online-Tools (Kursblogs oder -webseiten, Twitter, Commsy-Räume usw.) können hier sinnvoll eingesetzt werden. Lehrer haben natürlich (in der Regel) einen deutlichen Wissensvorsprung, sollten sich aber eher als Anbieter von Lernmöglichkeiten denn als Wissensvermittler verstehen.
  • Im naturwissenschaftlichen Unterricht müssen Experimente eine zentralere Rolle einnehmen. Sie sind nicht bloß „Entertainment“ zwischendurch, sondern dienen zum einen der Wissensgenerierung („Wie kann man untersuchen, ob ….?“) und zum anderen der Wissensüberprüfung („Stimmt es tatsächlich, dass…?“). Sie sollten also in ein didaktisches Gesamtsetting eingebettet sein. Hierzu kann auch mal das Üben einer experimentellen Methode nach einer strikten Anleitung („Kochrezept“) sinnvoll sein. Formen des forschenden Lernens („Plane ein Experiment, um …. zu untersuchen.“) müssen aber selbstverständlicher in den Unterricht eingebettet werden.
  • Die Chancen, die neue Medien bieten, müssen konsequent für den Fachunterricht genutzt werden. Excel vereinfacht den Umgang mit Messungen,  Etherpad’s können zum gemeinschaftlichen Verfassen von Versuchsprotokollen genutzt werden. Experimente, die im Unterricht nicht durchgeführt werden können, werden bei Youtube angeschaut oder mit entsprechender Software simuliert. Wikis und Blogs dienen zum kollaborativen Festhalten von erarbeitetem Wissen und zeigen die Chancen des gemeinsamen Lernens auf. Beiträge aus Mediatheken und Online-Angeboten von Zeitschriften dienen zum Üben, nach welchen Kriterien Quellen im Internet beurteilt werden können. Der Umgang mit Powerpoint, Word und z.B. Prezi kann die Präsentationskompetenz stärken und den Fachunterricht aufwerten.
  • Um das alles umsetzen zu können, müssen Lehrer sich im Umgang mit neuen Medien und Methoden konsequent fortbilden. Ein grundsätzlicher Wandel kann auf Dauer nur Bestand haben, wenn sich in der Breite etwas tut. Diese Entwicklung sehe ich zur Zeit nicht. Natürlich ist hier auch die Lehrerbildung ein wichtiger Ansatzpunkt.

Diese Thesen sind mit Sicherheit nicht alles, was zu diesem Thema zu sagen ist. Vieles davon ist in manchem Unterricht bereits Realität, in vielen Fachräumen aber auch nicht. Dass für die Umsetzung teilweise immense räumliche und zeitliche Ressourcen notwendig sind, ist unbestreitbar. Sinnvoll wären viele der oben umrissenen Maßnahmen in meinen Augen allemal. Oder?

Weitere interessante Gedanken finden sich bei Herrn Larbig. So stellt er fest:

Die Zukunft des Lernens ist seine Vergangenheit und Gegenwart: Lernen ist ein (hirn)physiologischer Prozess, der analog abläuft und heute genau so funktioniert, wie er vor hundert oder tausend Jahren funktioniert hat

Hier muss ich ihm in Teilen widersprechen: Sicherlich funktioniert Lernen grundsätzlich heute genauso wie früher. Jedoch sind „Wissen“ im Sinne von deklarativem, faktenbasierten Wissen und prozedurales Wissen im Sinne von mehr oder minder automatisch ablaufenden „Können“ zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Verschiebt sich die Aufgabe von Schule in Richtung „können“ so heißt dies, dass beispielsweise das regelhafte Feedback-Geben und -Nehmen immer wieder in verschiedenen Kontexten geübt werden muss, damit es zum Automatismus wird. Dies war schon immer so, Schule hat hier in meinen Augen aber durchaus Nachholbedarf.

Volle Zustimmung erhält er von mir aber für die implizite Forderung, dass lernpsychologisches Wissen verstärkt wieder Teil der Ausbildung von Lehrern werden muss. Ich merke das selbst: in meinem Studium taucht Psychologie schlicht nicht auf. Schade und für meine berufliche Praxis vermutlich eher kontraproduktiv. Es verspricht also weiter interessant zu werden ;)

15 Antworten auf „Warum sich etwas ändern muss! (#opco11 – Woche 1)“

  1. Hallo Hannes,

    deine Thesen sind gut. Ich bin erstaunt, dass du noch studierst, ich hätte darauf gewettet, dass du Unterrichtserfahrung hast. Als Physiklehrer (incl. Referendariat schon 19 Jahre) kann ich dich in deinen Thesen nur bestärken.

    Aus dem Bauch heraus noch ein paar Ergänzungen:

    – Wichtig ist es auch die „emotionale Einstellung“ zum Fach, nehmen wir mal Physik, bei den Schülern positiv zu fördern. Ich sage mir immer, wenn meine Schüler in Physik was gelernt haben, aber dennoch am Ende ihrer Schulzeit ehrlich sagen würden „Nie wieder Physik!“, dann habe ich etwas falsch gemacht.

    – Schüler sollten befähigt werden sich eine (fachliche) Meinung zu bilden. Ehrlich, dass ist in Schule revolutionär, auch wenn endlich in den Bildungsstandards gefordert. Dies muss praktisch geübt werden, aber die Zeit reicht meist nicht dafür. Hier gilt es in der Zukunft neue Wege zu finden. Ich habe da aber noch keine praktische Antwort.

    – Mir gefällt der Begriff des „forschend-entdeckenden“ Unterrichts. Dieser Stil erfüllt die meisten deiner Thesen.

    Auf meinem Weblog http://widerspiegel.wordpress.com versuche ich meinen Physikunterricht zu reflektieren. Ich stehe aber noch sehr am Anfang des Bloggens.

    LG Martin

    1. Hallo die beiden Herren …

      im Prinzip bin ich auch für den den “forschend-entdeckenden” Unterricht.

      Nur bin ich inzwischen der Meinung, dass man sehr aufpassen muss, wo man das einsetzt.
      Wenn es um reines Fachwissen geht, kann man natürlich auch einfach sagen:
      – hier sind die Infos … kaut sie durch und versucht sie zu verstehen.
      – und dann die Aufgaben dazu
      – und noch Experimente.

      Bei einigen Themen passt das mit dem Forschen schon. Hab bei meinem 8tern vor, demnächst zur Einführung der chemischen Reaktion ihnen eine Phänomen vorzusetzen, dass sie selber untersuchen sollen.
      Es geht um die Reaktion von Eisenchlorid (gelb) mit Blutlaugensalz (wie war das gleich???) zu Berliner Blau.

      Hier geht es nicht um die Erkenntnis, dass es eine chemische Reaktion ist, sondern vielmehr darum, dass die Schüler Fragen stellen und nachforschen.
      Also eher die Anwendung von Methodenkenntnissen im Chemie-Unterricht.

      Grüße, Birgit Lachner

      1. Ich stelle einfach mal eine ganz wagemutige These in den Raum: Wenn es um reines Faktenwissen geht, hat es (oftmals) viele Vorteile, es „einfach“ mitzuteilen:

        1) es geht schnell – so bleibt viel Zeit für anderen Unterricht (forschend-entdeckend oder wie das Kind auch heißen mag)
        2) Fakten „selbst entdecken“ ist durchaus schwierig…
        3) gehört auch das „ich höre einfach mal zu“ zu einer Fertigkeit, die später in Uni und Beruf durchaus benötigt wird.

        Provokant? Vielleicht ;)

  2. Ein sehr spannender Beitrag. Vielen Dank.

    Je mehr ich über die Nutzen und Chancen von Web 2.0 für das Lernen und Lehren nachdenke, desto deutlicher wird für mich, dass es zwar ne Menge Möglichkeiten gibt, aber wenn die Grundbedingungen nicht stimmen, hilft das alles nichts. Und die sind nunmal in erster Linie, das Lehrende und Lernende etwas neu und anders machen wollen. Lehrende haben hier ein besondere Verantwortung zu zeigen (sie haben ja schließlich die Möglichkeit Ihren Unterricht anders zu gestalten) das es anders geht und das dieses anders auch besser ist. Aber kann uns das Netz bei diesem Veränderungsprozess helfen. Wie erreichen wir diejenigen die nicht damit großgeworden, nicht als digital-natives aufgewachsen sind? Ist das eine verlorene Generation?

    1. Das ist eine sehr gute Frage… Intuitiv würde ich die Frage wohl mit „ja“ beantworten… Zumindest stehen viele (ältere) Lehrende, mit denen ich persönlich über solche Fragen gesprochen habe, neuen Technologien sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber. Wikipedia ist als reines Abschreibinstrument verschrien usw. usf… In Teilen ist diese Skepsis ja auch berechtigt (und fehlt so manchem „digital native“ vielleicht?). Die Frage bleibt ja aber trotzdem, ob sie erreichbar sind.

      Gerade bei Senioren beobachte ich aber auch vielerorts ein großes Interesse an Internet- und Computerkursen. Fehlt also nur Lehrern diese Aufgeschlossenheit? Ich weiß es nicht ;)

      1. Ich bin da auch zwiegespalten. Und vielleicht ist es keine Generationenproblem (wobei das sicherlich reinspielt), sondern vor allem eine Frage der Einstellung. Ich kenne auch Leute meiner Generation die den ganzen Dingen eher kritisch gegenüberstehen. Aber gerade der Mix an Zurückhaltung und Neugier finde ich wichtig. Nur Angst sollte man vor neuem nicht haben ;)

    1. Hallo Birgit,

      das freut mich, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin :P Auf deiner Webseite hast du ja viele interessante Gedanken geäußert, danke für den Link!
      Ich habe gerade gesehen, dass auch du auf das „Schulbuchforum“ bei gleich8 gestoßen bist… Das scheint doch ein erstes gemeinsames Projekt zu werden?

      1. Ich bin inzwischen ein wenig weitergegangen und habe mal auf meinem privaten Wiki etwas angefangen:

        http://superlehrer.de/index.php?title=Chemie-Zukunft

        Es ist natürlich absolut unvollständig, aber ich habe schon mal etwas zusammengesucht und auch ausprobiert.
        Unter anderem habe ich die Idee des „Flipped Classroom“ sozusagen mal ausprobiert und zwei Videos zum Ausfüllen von Arbeitsblättern erstellt.
        Zum Beispiel hier:
        http://superlehrer.de/index.php?title=Chemie-Zukunft/Die_ersten_Atommodelle -> Kern-Hülle-Modell

        oder
        http://superlehrer.de/index.php?title=Chemie-Zukunft/Mineralwasser
        -> 1. Aufgabe -> Hilfe-Film.

        You Tube ist generell auch eine ergiebige Quelle für Filme aller Art.

        Schau dich mal um …

  3. Shalom Hannes,

    Ihr Blogartikel hat mich sehr angesprochen, da Sie sich tiefgreifend mit und persönlich betroffen mit den Fragen der Methodik des Unterrichts und
    dem Verhältnis von Lehrern und Schülern auseinandergesetzt haben.
    Während des Lesens über den zentralen Stellenwert der Experimente im naturwissenschaftlichen Unterricht kam mir der Gedanke, dass Sie alle drei Komponenten durch den Ansatz des Flip-Thinking / Vodcasting, nach Jonathan Bergmann und Aaron Sams, in Ihrer zukünftigen Lehramtstätigkeit versuchen sollten. Zur Erklärung sende ich den Link

    http://gibirger.wordpress.com/2010/09/24/flip-thinking/

    1. Hallo Eva,

      vielen Dank für den sehr interessanten Link! Der Verweis auf die Seite des „telegraph“ funktioniert leider nicht mehr, die Webseite von Bergmann/Sams ist aber sehr interessant. Haben Sie selbst Erfahrungen mit dem Ansatz sammeln können?

      1. Hannes,

        ja, ich sammle tagtäglich. Diesen Ansatz wende ich in Erwachsenenkursen an, eigentlich kann ich gar nicht mehr ohne. Doch Sie bringen mich ein wenig in Verlegenheit, erst jetzt bemerke ich, dass ich meine Erfahrungen nur teilweise reflektiert und festgehalten habe.
        Sie bringen mich auf eine Idee. Danke.!!!
        Auf jeden Fall, wir bleiben in Verbindung
        LG Eva

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