Was ist die pädagogische Dimension des Physikunterrichts?

Unglaublich, wie wenig Zeit mir die Uni manchmal zum Schreiben lässt. Als erstes leidet dieser Blog darunter. Deswegen möchte ich die Gunst der Stunde nutzen und einen Text, den ich für ein Fachdidaktikseminar geschrieben habe „Zweitverwerten“.

Worum es geht? Ganz einfach: Um die pädagogische Dimension des Physikunterrichts. Ausgangspunkt ist ein Text von Martin Wagenschein („Rettet die Phänomene!“). In diesem Artikel in der Zeitschrift „Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht“ (MNU, 1977) plädiert Wagenschein sehr schlüssig für ein Primat der Phänomene im Physikunterricht. Er beobachtete in meinen Augen sehr zutreffend, dass viele Schüler und sogar Studenten der Physik von den eigentlichen Phänomenen, die eine Modellbildung erst erforderlich machen, entfremdet sind. Anders gesagt: Viele können zwar die Brown’sche Molekularbewegung erklären, haben sie aber nie gesehen.

Von diesem Aufsatz ausgehend habe ich ein kleines Essay verfasst, dass ich nun hier veröffentlichen möchte. Ich bin auf Kommentare gespannt!

Das Thema dieses kurzen Essays soll „Die pädagogische Dimension des Physikunterrichts nach Martin Wagenschein“ sein. Zu allererst möchte ich daher die naheliegende Frage klären, was genau eigentlich unter der „pädagogische Dimension“ von Physikunterricht zu verstanden werden kann.

Ich möchte nun den Begriff näher umreißen und das Feld von hinten aufrollen. Daher beginne ich mit dem Begriff des Physikunterrichts.

Physikunterricht ist meiner Ansicht nach zunächst etwas grundsätzlich anderes als die Physikwissenschaft. Physikunterricht findet regelhaft in Schulen durch speziell ausgebildete Lehrer statt und möchte einen mehr oder weniger klar umrissenen Kanon an Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern anlegen. Physikunterricht hat natürlich aufgrund seines Bezugs auf die Wissenschaft Physik (was etwas anders ist als zu behaupten, Physikunterricht sei mit der Wissenschaft Physik identisch) eine rein physikalische Dimension. Diese schlägt sich in den vergleichsweise klar umrissenen fachlichen Inhalten des Unterrichts deutlich nieder. Wenn also Physikunterricht eine rein physikalische oder auch wissenschaftliche Dimension aufweist: Was ist mit der pädagogischen Dimension gemeint?

Pädagogik hat ganz allgemein gesprochen zum Ziel, Menschen zu verändern. Dieses kann sowohl auf ihr Wissen als auch auf ihre Verhaltensweisen bezogen werden. Die Kernfrage könnte anders formuliert also sein: Auf welche Weise kann Physikunterricht Menschen verändern – und warum kann dies eine wichtige Legitimation für den Physikunterricht sein?

Physikunterricht kann natürlich Unmengen an Gleichungen und Faktenwissen vermitteln und so das Wissen des Menschen verändern. Dieser Umstand allein legitimiert aber wohl kaum, dass Physikunterricht an unseren Schulen stattfindet. Es geht aber auch anders – und hier kommt Wagenschein ins Spiel wenn er fordert „Rettet die Phänomene!“. Physikunterricht, der Phänomene unverfälscht zeigt, zeigt Schülerinnen und Schülern auch die Schönheit der Natur – eben die Naturphänomene. Werden ausgehend von diesen tragfähige Modellvorstellungen langsam und mit viel Bedacht entwickelt, erschließt sich den Schülern nach und nach eine neue, erstaunliche Möglichkeit, die Welt zu betrachten: Die Physik als Erkenntnismethode. Wie Wagenschein es ausdrückt: Physik beschränkt sich in kluger Weise selbst. Und wie ich hinzufügen möchte: Bekommt gerade durch diese Selbstbeschränkung ein unglaubliches Erklärungspotential für alltägliche Phänomene.

Allein dieser – für die meisten Schülerinnen und Schüler neue – Zugang zur Wirklichkeit rechtfertigt in meinen Augen bereits, dass Physikunterricht absolut notwendig an allgemeinbildenden Schulen ist. Physikunterricht kann – wird er mit viel Ruhe, ausgehend von Naturphänomenen, nur behutsam abstrahierend durchgeführt – den Schülern zumindest in Ansätzen eine neue Betrachtung der Welt mit auf den Weg geben und so ihre Einstellung zur Wirklichkeit grundlegend verändern. Wichtig ist aber, um weiter bei Wagenschein zu bleiben, dass Physik nicht als „die Natur an sich“ verstanden wird. Physik vereinfacht, abstrahiert, modelliert und beschreibt. Jedoch kann diese Beschreibung, so genau sie auch ist, niemals das Phänomen selbst sein, sondern eben nur seine Beschreibung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dies sollte auch im Physikunterricht deutlich werden.

Steckt vielleicht noch mehr „Pädagogisches“ in der Physik? Ich meine ja. So bietet der Physikunterricht die vielleicht einmalige Chance, Beobachten und Beschreiben zu lernen. Werden Phänomene der Wirklichkeit beobachtet, so stellt sich mehr oder minder zwanglos ein immer genauer werdender Blick auf die Welt bei den Schülerinnen und Schülern ein. Fragen und Hypothesen werden formuliert, diskutiert, verworfen, neu entwickelt, wieder verworfen und so fort. Physikunterricht kann also auch die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten fördern – wenn den Schülern, wie Wagenschein dies fordert, genügend Zeit gelassen wird. Zeit, grundlegende Phänomene wie die Brown’sche Molekularbewegung, Schallausbreitung oder Beugungsphänomene mit alltäglichen Gegenständen mit allen Sinnen zu erfahren, zu erforschen und zu diskutieren.

[Alle Aussagen, die ich Wagenschein zuschreiben, entstammen dem Artikel Wagenschein, M. (1977): Rettet die Phänomene! (Der Vorrang des Unmittelbaren). In: MNU. Jahrgang 30(3).]

4 Antworten auf „Was ist die pädagogische Dimension des Physikunterrichts?“

  1. Moin Hannes,

    toller Artikel – vielleicht kannst du mir den Aufsatz von Wagenschein ja mal zuschicken. Eine Frage zur Überschrift: Meint er die pädagogische Dimension des Physikunterrichts oder nicht die pädagogische Dimension der Physik, also die verändernde Wirkung, wenn man sich mit der Disziplin der Physik befasst?
    Oder anders Formuliert die Veränderung der Persönlichkeit als Teil der Auseinandersetzung mit der Physik, wenn Sie als wirkliche Forschung und nicht Replikation verstanden wird.
    Wir sollten das mal bei einem Kaffee bei physik.begreifen genauer diskutieren…

    Ein schöner Abschluss deiner Ausführungen wäre ein sinngemäßes Zitat von Wagenschein in dem er fordert, dass Physikunterricht nicht wissende Personen sondern verstehende Personen hervorbringen sollte!

    Viele Grüße,

    Sven

    1. Hallo Sven,

      sicherlich – die Physik an sich vermag das mit Sicherheit auch. Vielleicht noch mehr als der PU. Allerdings geht es mir darum, dass der Physikunterricht in meinen Augen zumindest das Potential (schreibt man nach neuer Rechtschreibung auch mit z, oder?) für eine neue Weltsicht der SuS bietet. Und gerade dieses „bildende“ Potential ist in meinen Augen die größte und stärkste Rechtfertigung dafür, dass PU in der Schule unerlässlich ist. Dazu das näher auszuführen sind wir ja heute nicht mehr gekommen :)

      Ein passendes Zitat habe ich nicht wirklich gefunden… Ideen sind willkommen!

      Grüße,

      Hannes

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