Einsatz von Wikis im Unterricht

Im Rahmen der Begabtenförderung werde ich im Sommer auf der Nachhaltigkeitsakademie des Vereins Jugendbildung in Gesellschaft und Wissenschaft e.V. gemeinsam mit einer Kommilitonin einen Kurs zum Thema „Regenerative Energien“ anbieten. Die Ergebnisse der Arbeit soll – so unsere Vorstellung – in einem Wiki dokumentiert werden. Meine Erfahrungen mit dem Wiki werde ich zu gegebener Zeit an dieser Stelle dokumentieren. Zunächst möchte ich in diesem Blogpost meine Vorüberlegungen vorstellen.

Schließlich weißt Christian Spannagel noch auf einige „Alltagsprobleme“ hin. So seien viele (gerade jüngere) Schüler mit dem Einsatz eines Wikis überfordert und bräuchten für einfach Dinge (Anmelden beim Wiki) unglaublich viel Zeit. Auch sei der kooperative Gedanke nicht so verwurzelt, wie es wünschenswert wäre. Unter anderem dadurch sei dann auch die Motivation der Schüler geringer als erwartet.

Was ist überhaupt ein Wiki?

Ein Wiki […] ist ein  Hypertext-System für Webseiten, deren Inhalte von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch online direkt im Browser geändert werden können.

Diese Definition aus der Wikipedia sagt wohl fast alles: In einem Wiki können die Betrachter einer Webseite ihren Inhalt direkt ändern und so selbst neue Inhalte generieren. Weitergehend kann man sogar sagen: Sie können auch die durch andere Benutzer erstellten Inhalte ändern und so die Qualität des Inhalts insgesamt sukzessive verbessern. In der Regel wird durch ein recht ausgeklügeltes Backup-System sichergestellt, dass auch alte Artikelversionen noch immer vorhanden sind (bei obigem Artikel zum Beispiel hier). So können alte Versionen durch entsprechend berechtigte Benutzer wieder hergestellt werden.

Logo der Software MediaWiki. Bildquelle: Wikipedia

Die bekannteste Wiki-Software ist das auch für die Wikipedia eingesetzte System MediaWiki. In meinen Augen ist diese Software zur Zeit die ausgereifteste Wiki-Software auf dem Markt. Sie enthält sehr viele Funktionen – die für kleine Projekte natürlich manchmal auch viel zu riesig überdimensioniert sind. Alternativen zu MediaWiki finden sich hier. Gerade für Bildungszwecke kann es auch interessant sein, ein Wiki nicht selbst aufzusetzen, sondern bei einem Service-Provider zu betreiben. Dieses geht beispielsweise bei wikispaces und hat den Vorteil, dass man als Lehrender sich nicht um die Technik hinter dem Wiki kümmern muss.

Unser Einsatzszenario

Wir werden mit circa 20 Beteiligten am Wiki arbeiten. Da sich alle (zukünftigen) Benutzer noch nicht untereinander kennen, wurde das gesamte Wiki zunächst mit einem Kennwort versehen. Das habe ich mit .htacces realisiert: einfach, vergleichsweise sicher und ganz wichtig: wenn alle Teilnehmer einverstanden sind, ist der Verzeichnisschutz auch leicht wieder zu entfernen. So kann das Wiki der breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ohne direkte Änderungen am Code oder an der Datenbank vornehmen zu müssen.

Da das eigentliche Seminar durch (Kurz)referate inhaltlich vorbereitet werden soll, kommen Themenstellungen und Materialien für die entsprechenden Referate direkt ins Wiki. Das hat auch für uns als Dozenten Vorteile: So können wir beide parallel arbeiten und uns gegenseitig ergänzen bzw. korrigieren. Ein nicht zu unterschätzender Zeitgewinn im Vergleich zu persönlichen Treffen.

Natürlich soll während des Seminars auch in Gruppen gearbeitet werden. Die Ergebnisse dieser Arbeiten können – genau wie die ausgearbeiteten Referate – über das Wiki direkt allen Teilnehmern zugänglich gemacht werden. Die Notwendigkeit, ausufernde PowerPoint-Präsentationen zu erstellen, entfällt somit in weiten Teilen: Oft ist es einfach, einer Wiki-Artikel gut zu strukturieren und dann mit allen gemeinsam die Kernpunkte anhand des Artikels zu besprechen.

Was spricht gegen den Einsatz eines Wikis?

Schaut man sich ein wenig in der Blogosphäre um, so haben viele Blogger sehr zwiespältige Erfahrungen gemacht, die ich an dieser Stelle kurz zusammenfassen möchte. So stellt Maik Riecken fest:

Der Mehrwert [eines Wikis] entsteht für mich erst durch Rückmeldungen, die so motivierend sind, dass sie den Verbesserungs- und Überarbeitungsprozess anzutreiben vermögen. Deswegen versauern m.E. nach einer ersten euphorischen Anfangsphase so viele Schülerblogs.

Ich denke da hat er recht. Das Problem bei allen im Unterricht entstandenen Produkten ist doch: Sie sind (zumindest oftmals) nicht aus eigener Motivation der Schüler heraus entstanden, sondern aus einem durch die Schule geschaffenen Notendruck heraus (ich möchte den Begriff  „extrinsische Motivation“ hier nicht zu sehr strapazieren). Diesen Druck in eigene, „intrinsische“ Lern- und Arbeitsmotivation umzuwandeln, gelingt nicht immer und nicht bei jedem Schüler. Und haben Schüler (genau wie andere Menschen ja auch) keine intrinsische Motivation, so „versauern“ viele Projekte nach Abschluss der Unterrichtseinheit und werden nie wieder gepflegt.

Beim Einsatz eines Wikis ist also zu beachten, dass alle Teilnehmer/Schüler „mit im Boot“ sitzen und den Nutzen gegenseitiger Kritik und Hilfe erkennen. Dies gelingt wohl nicht in allen Klassen.

Ein weiteres Problem reißt Werner Prüher an:

Daher müsste ich bei jedem Lehrgang thematisch ein neues Wiki beginnen. Aber was mache ich mit dem alten Wiki? Als Lernunterlage für die nachfolgenden Schüler? Das ist zu vergessen, das ist wie e-learning aus dem Jahr 2000, völlig unakzeptabel. E-Learning heute heißt: Inhalte erstellen. Der Weg ist das Ziel, niemals das Endprodukt. Das Endprodukt ist als Nachschlagewerk nützlich, aber nicht als Lern- oder Unterrichtsbehelf.

Ich stimme insoweit zu, als die „Verwertung“ des Endproduktes ein Problem darstellt – gerade in Schulen mit festgezurrtem Curriculum, wo sich Themen jährlich wiederholen. Niemand benötigt 10 verschiedene Wikis zum gleichen Thema. Und sich – mit einer neuen Klasse – in ein Thema soweit einzuarbeiten, dass gewinnbringend an einem alten Wiki weitergearbeitet werden kann, ist wohl schwer zu realisieren. Eine Lösung könnte hier nur sein, Wikis für innovative, mehr oder minder einmalige Themen einzusetzen. So stünde – zumindest beim ersten Wiki-Kontakt – dann doch das Produkt im Vordergrund. Haben Schüler dann den Wert von Wikis und ähnlichen Systemen für die Zusammenarbeit erkannt, mag im Idealfall dann tatsächlich „der Weg das Ziel“ sein – und das Problem sich in Luft auflösen.

Schließlich wird der zu Anfang der Wiki-Arbeit sehr hohe Zeitbedarf kritisiert. Dieser hängt aber in meinen Augen sehr stark von der jeweiligen Lerngruppe (Vorerfahrungen, Alter, …) ab.

Was spricht für den Einsatz eines Wikis?

Alle oben genannten Kritikpunkte stellen in meinen Augen zwar gewichtige Argumente für den Verzicht auf ein Wiki in bestimmten Lerngruppen dar, nicht jedoch gegen den Einsatz eines Wikis an sich. Als Vorteile sehe ich:

  • Kollaboration: Durch den Einsatz eines Wikis besteht die Möglichkeit, echte Kollaboration bei den Teilnehmern zu erreichen. So können im Idealfall alle Teilnehmer am gleichen Text arbeiten, sich gegenseitig konstruktiv kritisieren (und solche Formen der Kritik einüben) und ein äußerst hochwertiges Produkt entwickeln.
  • Entkopplung der Lernzeit aus dem starren Schulrhythmus. An einem Wiki kann immer gearbeitet werden, egal zu welcher Uhrzeit. So wird den Teilnehmern zum einen eine wesentlich größere Freiheit gegeben – zum anderen aber auch eine erhebliche Eigenverantwortung für das eigene Lernen. Steffen Obeling merkt hierzu an, dass in Unterrichtssituationen das Wiki aber natürlich sinnvoll in den Kontext des Unterrichts integriert sein muss und es klare Regeln bezüglich Formaler und Kommunikativer Aspekte geben muss. Volle Zustimmung zu dieser Anmerkung.
  • Förderung von Medienkompetenz. Durch das Erlernern des Wiki-Codes und dem Umgang mit einem Wiki erwerben die Teilnehmer wichtige Fähigkeiten beim Umgang mit einem Wiki und anderen Internetsystemen. Dies könnte beispielsweise auch darin münden, dass Teilnehmer sich für die Arbeit in der Wikipedia begeistern.
  • Steffen Obelingt weißt noch auf einen weiteren Punkt hin: Durch ein (Media)Wiki werden Produktionsprozesse von Wissen und Inhalt sichtbar dokumentiert. So hat auch der Lehrer die Möglichkeit, die Aktivität der einzelnen Schüler über die Logs nachzuvollziehen. Kritisch möchte ich hierzu aber anmerken: Wird die Qualität/Quantität der Einzelbeiträge in irgendeiner Form bewertet, so steigt in meinen Augen die Hemmschwelle, etwas zum Wiki beizutragen. Wenn eine Benotung vorgenommen werden muss, dann eine des Endproduktes. Trotzdem: Die Logs eines Wikis bieten unglaubliche Möglichkeiten, den Produktionsprozess explizit im Unterricht zu reflektieren.

Dinge, die berücksichtigt werden müssen

Absolut sinnvoll finde ich die „10 Best Practices“ von Barbara Schröder. Bei der Konzeption des Wikis für unser Seminar waren und sind sie mir eine große Hilfe. Unter anderem plädiert sie dafür, Regeln und Erwartungen an die Lerngruppe klar zu formulieren.

Wie oben bereits erwähnt: Sowohl aus Gründen des Copyrights als auch aus Datenschutzgründen sollte ein Wiki meiner Meinung nach nur allgemein zugänglich gemacht werden, wenn alle Beteiligten sich damit einverstanden erklären – und sich an Copyrights halten. Ich halte es daher für sinnvoll, zuerst mit höheren Sicherheitsstufen zu arbeiten.

Und schließlich das Wichtigste überhaupt: Damit kein Teilnehmer an einem Wiki-Projekt überfordert wird, muss die Technik eines Wikis, die dahinterstehenden Grundgedanken, die Handhabung, die Anmeldung, … gemeinsam mit ausreichend Zeit geübt werden. Denn nur, wenn man weiß, wie es funktioniert, kann ein Wiki ein Projekt voranbringen. Wie gesagt: Über meine Erfahrungen werde ich zu gegebener Zeit berichten.

6 Antworten auf „Einsatz von Wikis im Unterricht“

  1. Hallo Hauke,

    ich stimme dir zu (auch bezogen auf deinen Blogeintrag): Ein Wiki kann Probleme machen und hat mit Sicherheit nicht nur Vorteile. Wie du schon sagtest: Unsere Rahmenbedingungen sind allerdings völlig andere.

    Für ein Projekt, wie es von uns in sehr kurzer Zeit (2 Wochen) und intensiver Arbeit durchgeführt wird, hat ein Wiki gegenüber Blogs in meinen AUgen einen ganz riesigen Vorteil: Vernetzung. Beiträge innerhalb eines Wikis lassen sich wesentlich sinnvoller (und – wenn man weiß wie – auch einfacher) untereinander vernetzen. Auch kann ich zuerst an Artikel a) und erst dann an Artikel b) arbeiten, ohne mir durch die zeitliche Reihenfolge auch gleich die Reihenfolge im Blog vorzugeben. Diese Dinge spielen bei einem Projekt eine große Rolle.

    Die Einfachheit von Blogs ist für die Schule mit Sicherheit etwas besser geeignet. Die Tatsache allein, dass SuS zunächst mit einem Blog besser umgehen können, spricht aber noch nicht gegen den Einsatz eines Wikis. Den Umgang damit kann (und muss) man eben lernen…

    Viele Grüße, Hannes

  2. Ich habe auch einen ersten Versuch mit Wikis im Unterricht gehabt (http://haukemorisse.de/blog/?p=126), das war eher zwiespältig, auch weil Blogs irgendwie so praktisch sind, das erscheint auf dem zweiten Blick irgendwie vorteilhafter, auch wenn Wikis genau für solche Kooperationskonzepte gedacht sind. (http://haukemorisse.de/blog/?p=114 und http://haukemorisse.de/blog/?p=282 )
    Eure Voraussetzungen sind günstiger, da ihr eine „reales“ sinnstiftendes Produkt erstellt, aber:
    – das synchrone Arbeiten an Wikis kann mühsam sein, wenn das Zwischenspeichern / Einfrieren vergessen wird und dann gegenseitig überspeichert wird
    – die Oberflächen und Einstellungsmöglichkeiten von individuellen Blogs sind einfach ziemlich schön und lassen sich später auch zusammenfügen

    Viel Erfolg :-)

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