Lehrstellen- und Schulabbrecher Boom?

Gerade lese ich in der sz: Es gibt viel zu wenige Lehrlinge, gerade das Handwerk findet keine Lehrlinge. Das ist zunächst einmal schön und eine freudigere Nachricht als in vielen Lehrjahren zuvor. Doch hat dies für mich einen sehr faden Beigeschmack: Wie kann es sein, dass sich gleichzeitig den Schulabgängern selbst basale Fähigkeiten abhanden kommen?

Schulabgängern fehlten immer öfter die Grundvoraussetzungen für eine Ausbildung, klagen die Betriebe. Mehr als jedes zweite Unternehmen organisiere Nachhilfe und müsse zunehmend ausbügeln, was Elternhaus und Schule versäumt hätten[…]. (Ebenfalls sz)

Dies stimmt doch nachdenklich. Ist unsere Schule so schlecht, dass sie es nicht einmal mehr schafft, unsere Jugendlichen entsprechend auf die Ausbildung vorzubereiten? Oder sind heutige Jugendliche in der Masse dümmer als noch vor wenigen Jahren? Oder haben die Unternehmen – wie die sz schreibt – zu hohe Erwartungen an die Schüler?

Weiter nachdenklich stimmt mich folgende Aussage der ARGE aus Hamburg: 2008 lag die Qute der Hamburger Schüler ohne Hauptschulabschluss bei erschreckenden 8,2%. Und ein Großteil dieser Jugendlichen bekommt entsprechend dann auch keinen Ausbidlungsplatz. Also, woran liegt es? Und wie schaffen wir es aus dieser Misere?

Eine Reform des Schulsystems, wie sie beispielsweise die Linkspartei forderte, bietet in meinen Augen zwar Ansätze zur Verbesserung der Situation, ist aber nicht die Lösung für unsere Probleme. Solange sich die Ausstattung der Schulen und die Wertschätzung der Arbeit der Lehrer in der Gesellschaft nicht grundlegend ändert, werden nur durch eine von außen beschlossene Strukturreform (so sinnvoll ich diese grundsätzlich finde!) keinerlei Probleme beseitig. Passieren müsste hier zum einen ein massiver Ausbau der Ganztagesbetreuung: Hausaufgabenbetreuung direkt und kostenlos in der Schule, gemeinsames Mittagessen – von Lehrern und Schülern, betreute Nachmittagsangebote und vieles mehr. Zum anderen muss die strukturelle Ausstattung gerade im Personalbereich deutlich verbessert werden. Klassen mit 32 Schülern bieten weder für Schüler noch für Lehrer angenehme Arbeitsbedingungen.

Schließlich sollte die Gesellschaft die Arbeit von Pädagogen vermehrt anerkennen. Lehrer haben zwar viele Ferien, arbeiten dafür aber in der Schulzeit umso mehr. Mehr dazu hier, hier oder auch zur Belastung von Lehrern im Berufsalltag hier.

Kurz: Durch viele Reformen kann die Qualität der Schule und somit hoffentlich auch die Leistungen der Schüler deutlich gesteigert werden. Ein Allheilmittel wird aber auch dies nicht sein.

Sind also Schüler heute einfach zu dumm? Das glaube ich nicht, auch wenn hier empirische Studien eher schwierig sein dürften. Was aber wohl wahr ist, ist dass sich die Freizeitgestaltung der heutigen Schülergeneration extrem von derjenigen noch vor wenigen Jahren unterscheidet. So sind in der Mediennutzung Fernsehen und Internet weit vor Büchern. Die Lesekompetenz bei Schülern liese sich wohl schon schlicht dadurch entwickeln, wenn Eltern darauf achteten, dass ihre Kinder häufiger mal zu Zeitung und Buch griffen. Zu genaueren Lesegewohnheiten der Deutschen siehe auch die folgende Grafik aus der Wikipedia.

Zeit, die Deutsche im Durchschnitt mit Lesen verbringen in Abhängigkeit des Lebensalters. Quelle: Wikipedia

Schließlich bleiben noch die Unternehmen: Sie erwarten in meinen Augen häufig, dass die Schule ihnen einen fertigen „Output“ an Facharbeitern liefert. Mit Sicherheit, Schule hat auch die Aufgabe, auf Studium und Beruf vorzubereiten. Die Hauptaufgabe ist aber, die Schüler zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu befähigen und ihnen die nötigen Fähigkeiten zu vermitteln. Dies schließt ein wesentlich breiteres Spektrum an bildungsrelevanten Fähigkeiten und bildungsrelevantem Wissen ein, als dies für den späteren Beruf tatsächlich benötigt wird. Möchten die Unternehmen unkritisch denkende Arbeitskräfte, so sei ihnen empfohlen, doch auf Roboter auszuweichen…

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