Schritt für Schritt zur Vision der freien Bildungsmaterialien. Was kann ich tun? #OER

Seit einigen Wochen kocht in vielen, vielen Blogs die Diskussion rund um freie Bildungsmaterialien hoch. In der anglophonen Welt wird schon – so sagt zumindest die Wikipedia – seit geraumer Zeit über freie Bildungsinhalte diskutiert. Spätestens seit den Diskussionen um den sogenannten „Schultrojaner“ hat die Diskussion nun auch Deutschland erreicht.

Ich möchte gar nicht so sehr den Stand der Debatte nochmals zusammenfassen. Das haben Torsten Larbig (sogar mehrmals), Thorsten Gross und viele andere bereits ausführlich getan. Eine gewisse Infrastruktur ist im Entstehen begriffen (z.B. die Webseite freiebildungsmedien.de) und auch ansonsten ist vieles im Fluss. Was soll also dann dieser Blogpost?

Ich möchte ein wenig darüber nachdenken, was ich, als einzelner Lehrer (bzw. in meinem Fall angehender Lehrer) tun kann, um vom Gedanken der freien Bildungsmedien zu profitieren und diesen zu unterstützen. Diese Überlegungen möchte ich ganz konkret auf die naturwissenschaftlichen Fächer beziehen.

Warum sollte ich, als einzelner Lehrer überhaupt etwas tun?

Diese Frage beantwortet Thorsten Gross in so schöner Weise, dass ich es gerne hier wiedergeben möchte:

 Nicht selten kommt auch der Hinweis: “Du, ich hab’ da ein Arbeitsblatt, das kann ich dir gerne geben.” und wer ist nicht dankbar dafür? Unter Kollegen/innen ist es auch keine Frage, dass man das Arbeitsblatt abändern darf, um es der eigenen Situation anzupassen

Innerhalb einer Schule ist es seit langem Gang und Gäbe, Materialien zu tauschen und weiterzugeben. Selbstverständlich sind diese Materialien veränderbar und in diesem Sinne innerhalb eines bestimmten, relativ klar abgegrenzten Personenkreises „frei“. Materialien zur Verfügung zu stellen ist also für Lehrer kein Neuland.

Das Internet verändert nun den möglichen Adressatenkreis. Plötzlich sind nicht mehr nur die wenigen direkten Fachkollegen als potentielle Materialquellen und -abnehmer denkbar, sondern auch Kollegen aus ganz Deutschland, ja dem gesamten deutschsprachigen Raum. Man stelle sich folgendes vor: Jeder Physiklehrer aus dem deutschen Sprachraum stellt nur ein wirklich gut durchdachtes Arbeitsblatt für alle anderen zur Verfügung. Welcher Schatz dort schlummert, welche Arbeitserleichterung und Inspirationsquelle!

Illusorisch? Ja, zugegeben. Realität kann so ein Traum nur werden, wenn

  • alle Mitmachen. Wer vom eingestellten Material profitieren möchte, sollte sich auch dazu anspornen, selbst Material zur Verfügung zu stellen. Quid pro Quo.
  • Copyright beachtet wird.

Wirklich neu ist wohl nur der erste Punkt: Auch früher, in der Prä-Internetära, bekam ein Kollege, der nie etwas zum „gemeinsamen Materialpool“ der Fachschaft beisteuerte, selten etwas zurück. Zu klären ist also die Frage des Copyrights.

Freie Lizenzen als Schlüssel

Wie Cashy so schön schreibt: Im Internet wird man furchtbar schnell juristisch angreifbar. Ein Bild oder auch ein Video sind schnell auf der eigenen Webseite eingebunden oder aus einem Buch kopiert. Ich unterstelle einfach mal: Kopieren (aus Büchern, …) war und ist in vielen Schulen gängige Praxis. Der Passus mit dem sogenannten Schultrojaner wurde wohl nicht ohne Grund geschrieben…

Bei der Bereitstellung im Internet wird hieraus ein Problem. Abhilfe schaffen freie Lizenzen wie die Creative Commons-Lizenz. Diese gibt es in verschiedenen Spielarten, was sie unterscheidet erklärt Cashy in zwei Teilen wirklich gut. Wird das gesamte Material unter einer CC-Lizenz ins Netz gestellt, so wird im Grunde das „Geschäftsmodell“ von früher, die Weitergabe inkl. der Veränderungsrechte, ins 21. Jahrhundert transportiert.

Bei der Erstellung von Arbeitsmaterial sollte der Lehrer, der die oben skizzierte Vision teilt, also möglichst sofort freie Bilder und Texte benutzen. Stellt sich die Frage: Woher nehmen, wenn nicht selbst machen? Da hilft z.B. Damian Duchamps mit seiner Seite CC-your-Edu.de weiter. Dort findet ihr Hinweise zu Quellen von CC-Material. So erstelltes Material kann dann online zugänglich gemacht werden, beispielsweise auf einer eigenen Webseite. Solange es keine „richtige“, zentrale Sammelstelle gibt, ist es natürlich schwierig, diese bekannt zu machen und zu finden. Aber was das angeht bin ich zuversichtlich, was das angeht ist die eingangs verlinkte Fraktion um Torsten Larbig doch recht aktiv.

Was heißen freie Bildungsmaterialien für Physik und Chemie?

Gehen wir noch einen Schritt weiter und fragen: Welche freien Inhalte brauchen wir für den Physik- und Chemieunterricht? Das habe ich – gemeinsam mit u.a. Birgit Lachner, die auch erstes Chemiematerial als OER kennzeichnet, in einem Etherpad zu diskutieren begonnen. Ich möchte meine Gedanken dazu nochmal zusammenfassen und konkretisieren:

  • Arbeitsblätter sind ein erster, wichtiger Schritt. Hierzu zähle ich sowohl Übungsaufgaben (ggf. auch mit Lösungen), Aufgaben mit gestuften Hilfen, Lernzirkel, Gruppenpuzzle, Experimentieranleitungen verschiedener Schwierigkeitsstufe usw.
  • Darüber hinaus wären verschiedene Spiele schön. Diese lassen sich beispielsweise zur Wiederholung einsetzen und können Unterricht sehr stark auflockern. Sie selbst zu erstellen ist allerdings oft sehr zeitaufwendig.
  • Erklärende Texte, wie sie in einem Lehrbuch auftauchen. Ohne diese erklärenden, zusammenfassenden Texte kann ich mir auch in Zukunft keinen naturwissenschaftlichen Unterricht vorstellen. Auch diese müssen in Zukunft, altersangemessen mit angemessener didaktischer Reduktion unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt werden.
  • Animationen, Moodlekurse, … können das Angebot abrunden und Lehrbücher im klassischen Sinne überflüssig werden lassen.

Besonders die Erstellung von Lehrbuchtexten ist in meinen Augen äußerst komplex, zeitintensiv und braucht große Erfahrung. Freie Lehrbücher werden also wohl nur nach und nach entstehen und sind eine eher langfristige Perspektive.

Alles andere wird aber sowieso tagtäglich durch Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland erstellt. Wenn wir dabei auf CC-Material zurückgreifen und sie online verfügbar machen, ist ein Materialpool hier vergleichsweise schnell zu verwirklichen. Also, packen wir es an!

Ich möchte diesen Blogpost mit einer kleinen Selbstverpflichtung abschließen: Ich werden nach und nach von mir erstelltes Material hier im Blog zur Verfügung stellen. Dazu werde ich demnächst eine kurze Übersichtsseite erstellen. Ich würde mich freuen, wenn viele andere mir auf diesem Weg folgen würden!

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